Orthodoxe Präsenz in der Schweiz

Die Kirche zum heiligen Dimitrios in Zürich. (Bild: Verband Orthodoxer Kirchen Zürich/Vera Markus)

 

Der Name «Ostkirchen» hält sich so hartnäckig wie unsere Redeweise «Die Sonne geht auf», obwohl sich unser Weltbild längst geändert hat. Ja, der Ursprung dieser Kirchen liegt im Ostteil des Römischen Reiches, aber selbst hier waren sie lange von der westlichen Christenheit nicht verschiedener als polnische von Schweizer Katholiken. Allerdings hatten sie – um im Bild zu bleiben – durchaus das Selbstbewusstsein, Christus als «aufgehende Sonne» (Orient) zu bezeugen und im Westen eher den «Niedergang» (Abendland) zu sehen. Seit vielen Jahren widmet sich das «Zentrum für das Studium der Ostkirchen» an der Universität Freiburg der Aufgabe, in Lehre und Forschung die östliche Tradition der Christenheit in den ökumenischen Dialog einzubeziehen. Dies ist um so wichtiger und schwieriger, weil diese durch die heutigen geopolitischen Verwerfungen kaum mehr eine gemeinsame Stimme hat.

Unter anderem wird am Studienzentrum die Datenbank «Orthodoxia» aller orthodoxen Bischöfe weltweit regelmässig aktualisiert (www.orthodoxia.ch). Die jüngsten Ergänzungen sind staunenswert international; ständig müssen neue Länder und Städte in das Verzeichnis aufgenommen werden. So errichtete kürzlich die Koptische Orthodoxe Kirche eine Diözese in Dubai. Es gibt keinen Kontinent, auf dem orthodoxe Kirchen nicht präsent wären. Kürzlich feierte z. B. das Orthodoxe Theologische Institut Saint-Serge in Paris sein 100-jähriges Bestehen. Seine Geschichte zeigt, wie die orthodoxe Präsenz von Menschen, die nach der Revolution von 1917 aus Russland vertrieben worden waren, nicht zu einer Ghettobildung führte, sondern zu einem äusserst fruchtbaren Austausch mit der westlichen Ökumene: Orthodoxe Theologen des Instituts wirkten an der ökumenischen Bewegung mit, als Katholiken aufgrund päpstlicher Verbote noch abseits standen. Der Kontakt mit der katholischen Reformbewegung in Frankreich wurde durch Impulse der Erneuerung des Kirchenverständnisses bis ins Zweite Vatikanische Konzil hinein wirksam.

Die Frage nach der orthodoxen Präsenz in der Schweiz legt sich in diesem Rahmen nahe. Auch hier wurde das Eintreten in eine zunächst fremde Umgebung zum Anlass, um aus vertrauten Gewohnheiten des Lebens und Denkens herauszutreten und den Glauben in unbekannten und herausfordernden Kontexten neu zu leben. Am Ende zeigt sich sogar eine Art «missionarische» Rückwirkung auf die Schweiz, indem orthodoxe Gläubige sich mit lokalen Heiligen und Traditionen zu identifizieren beginnen. Die Arbeitssitzung des Studienzentrums am 30. Oktober 2025 widmete sich zum Auftakt der Zusammenarbeit mit der neuen orthodoxen Co-Direktorin Dr. Maria Hämmerli diesen Entwicklungen. Wenigstens anfänglich wurde dabei auch die Frage gestellt: Wie haben sich die ukrainischen Flüchtlinge in der Schweiz kirchlich integrieren können? Die Entdeckungen, die dabei gemacht wurden, können nun in diesem Heft der SKZ weitergegeben werden und die Aufmerksamkeit für unsere neuen Mitchristen schärfen.

Barbara Hallensleben*

 

* Prof. Dr. Barbara Hallensleben (Jg. 1957) ist Professorin für Dogmatik und Theologie der Ökumene an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg i. Ü. Sie ist Direktorin des Zentrums St. Nikolaus für das Studium der Ostkirchen und Mitglied der Gemeinsamen Internationalen Kommission für den theologischen Dialog zwischen der katholischen und der orthodoxen Kirche.

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Editorial

Ein Jahresprogramm

Angesichts der tiefgreifenden Transformationen, die wir Menschen zur Zeit
erleben, wachsen die Unsicherheiten im
persönlichen, sozialen, politischen und
wirtschaftlichen Leben. Die Antworten
auf diese Unsicherheiten sind unterschiedlich: von Gleichgültigkeit über
Angst bis Radikalisierung. Der venezolanische Autor Moisés Naim fasste die
Entwicklungen, die insbesondere auch
die Demokratie gefährden, in drei Ps
zusammen: Polarisierung, Post-Wahrheit
und Populismus. Und der venezolanische
Jesuit Arturo Sosa fügt ein viertes P
dazu: Protektionismus. Was können wir
als Christ/innen auf diese Entwicklungen antworten? Was gilt es
bewusst zu stärken? Diese vier Ps haben
mich veranlasst, auch nach vier Ps zu
suchen: Polarität, Perspektive, Person
und Proexistenz. Polarität: Menschliches
Leben spielt sich in Polaritäten ab und
es gilt in der Spannung zwischen den
Polen zu leben und diese fruchtbar zu
machen. Perspektive: Jede/r blickt aus
seinem Blickwinkel auf eine Sache. Das
ergibt eine Vielfalt von Perspektiven und
gemeinsam sind wir auf dem Weg, nach
der Wahrheit zu streben. Als Antwort
auf den Populismus sehe ich als eine
Möglichkeit, die einzelne Person zu
stärken, sie zu befähigen, eine eigene
Meinung zu bilden und zu vertreten.
Und bei der Proexistenz geht es darum,
sich für die anderen jenseits der Wir-
Gruppe einzusetzen.

Maria Hässig