Wussten Sie, dass der deutsche Begriff «Bildung» auf den mittelalterlichen Mystiker und Gelehrten Meister Eckhart zurückgeht? Ausgehend von der Gottebenbildlichkeit des Menschen, wie sie in Genesis 1,26 f. zur Sprache kommt, hat Eckhart den Bildungsbegriff in die deutsche Sprache eingeführt. Gebildet zu sein, heisst für Eckhart, Gott immer ähnlicher zu werden. Für den Menschen stellt Bildung in diesem Kontext zunächst eine passive Angelegenheit dar, denn Gott formt und bildet den Menschen. Die Aufgabe des Menschen besteht darin, sich Gott zu überlassen – und sich in diesem Prozess von Gott sozusagen den Spiegel vorhalten zu lassen. Nicht die zweckgebundene Aneignung von Wissen in einem bestimmten Bereich, sondern ein existenzielles Sich-Einüben in Gelassenheit ist das, was der Mensch im Hinblick auf seine Bildung tun kann (und tun soll).
Prägender als die Lehre von der Gottebenbildlichkeit des Menschen ist im heutigen Bildungsbegriff das Gedankengut der Aufklärung präsent: Bildung wird als Aktivität des Menschen gesehen, die intrinsisch motiviert ist: Sich zu bilden, ist Ausdruck gelebten Menschseins, wobei das Sich-Erschliessen der Wirklichkeit ein Leben lang dauert.
Das humanistische Menschenbild kann sich von der biblischen Erzählung über die Gottebenbildlichkeit des Menschen gerade für die heutige Zeit gleichwohl wegweisende Impulse geben lassen: Als Ebenbild Gottes vertritt der Mensch Gott auf Erden. Er tut gut daran, sich in dieser verantwortungsvollen Aufgabe am göttlichen Vorbild zu orientieren und so seinerseits Mitgestalter einer lebensförderlichen Ordnung für alle zu werden. Die Schöpfungserzählung Genesis 1 steht für eine Demokratisierung königlicher Würde. Galten früher nur Könige als Repräsentanten einer Gottheit auf Erden, wird diese Gottebenbildlichkeit nun jedem Menschen – Mann und Frau – zugesprochen. Die menschliche Stellung in der Schöpfung als «Krone» zu bezeichnen, wie es in Anlehnung an diesen Bibeltext im neuzeitlichen Europa oft getan wurde (und zum Teil noch immer getan wird), verfehlt jedoch den Sinn der Erzählung. Als Schöpfungswerk des zweitletzten Tages tritt der Mensch in Verbundenheit mit, ja gar in Abhängigkeit von allen anderen, zuvor geschaffenen göttlichen Werken in Erscheinung. Das Menschsein prägen seit Anbeginn die Fähigkeit zu und die Bedürftigkeit nach Beziehung – und zwar nicht nur zwischenmenschlicher Art. Die Einsicht in die Verwobenheit alles Seienden bildet so den tragenden Grund einer zukunftsfähigen Bildungsarbeit. Im konkreten Bildungsprozess kann und soll die Frage nach der Selbstbestimmung beziehungsweise nach der Selbstverortung des Menschen im Gesamt der Wirklichkeit dies immer wieder in Erinnerung rufen: Wer bist du, Mensch?
Isabelle Senn*
