Johann Sebastian Bachs Kantaten

Johann Sebastian Bach (1685–1750). Gemälde von Elias Gottlob Haussmann, 1748. (Bild: Wikipedia)

 

Bachs Vokalwerk gehört gewiss zum religiösen und kulturellen Erbe des Abendlandes und muss deshalb den kommenden Generationen weitergegeben werden. Zu dieser Überzeugung gelangte ich über einen langen Lebensweg voller Musik – Knabensopran im Jugendchor, dilettantischer Violinist, Gelegenheitssänger da und dort – und einem steten Interesse an Glaubensfragen. Doch: Wie soll das gehen? Kulturgüter wie Pyramiden und Kathedralen und auch Bilder stehen für sich, auch nach hundert und gegebenenfalls viel mehr Jahren. Musik und Literatur muss man der nächsten Generation förmlich überreichen, wenn man sie erhalten will: zeitgemäss aufführen, aufzeichnen, erklären, schmackhaft machen. 

Die Kompositionen Bachs sind nebst den ganz vielen Instrumentalwerken ein Gebirge von über 200 Kantaten, zwei Passionen, dem Weihnachtsoratorium, verschiedenen Kurzmessen und der grossen katholischen Messe in h-Moll. Für den bürgerlichen Konzertbetrieb sind namentlich die Kantaten nur beschränkt geeignet. Sie sind von der Aufstellung her aufwendig (Solisten, Chor, Orchester), meist recht kurz, musikalisch komplex und vom Text her eher sperrig, da in barocker Sprache geschrieben und dem heutigen bibelfernen Publikum fremd. Bach bezieht sich in seiner Musik aber dermassen auf Wort und Inhalt, dass flüchtiges und unverständiges Zuhören unbefriedigend bleibt. Solche Musik weiterzugeben zu wollen, ist ein schwieriges Unterfangen in unserer Zeit.

Die J. S. Bach-Stiftung St. Gallen ging in vollem Bewusstsein um diese Herausforderungen ans Werk und nutzte die Gunst der Stunde bzw. des Aufkommens der sozialen Medien, um mit qualitativ einwandfreien Videos die Jugend der Welt zu erobern. Nach mittlerweile mehr als 20 Jahren haben wir von den monatlichen Konzerten in der Kirche von Trogen AR fast alle Kirchenkantaten ins Netz gestellt, die Videos wurden millionenfach angeschaut und wir verfügen über bald einmal 500'000 sogenannter Followers auf allen Kanälen. Natürlich nicht nur Jugendliche, aber immerhin. Und aus aller Welt mit Schwerpunkt in Brasilien, Mexiko und Kalifornien. Wer hätte das gedacht!

Erkenntnis: Das spirituelle Verlangen der Menschen ist intakt. Musik ist eines der Mittel, es zu wecken und zu nähren. Sie muss zugänglich und packend sein, gleichzeitig hohen Ansprüchen genügen. Bach berührt die Seelen, Bach öffnet ein Fenster zum Himmel, Bach macht «selig» im Sinne der Bergpredigt. Auch und gerade jene, die «arm im Geiste» sind, das heisst: uns alle.

Konrad Hummler*

 

* Dr. Konrad Hummler (Jg. 1953) Recht und Ökonomie. Er arbeitete als Bankier und wurde 1991 unbeschränkt haftender Teilhaber von Wegelin & Co. Privatbankiers St. Gallen. Seit 2012 ist er als Strategieberater und Publizist tätig und übt verschiedene Mandate bei Unternehmungen und Stiftungen aus.

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Editorial

Musik (zu)ordnen

In meinen Jahren als Pfarrer konnte ich mein grosses Hobby in Form von unzähligen «Opern-Abenden» und anderen Vorträgen anwenden. Einmal befiel mich dabei der wahnwitzige Gedanke, die Oper, aber auch die ganze klassische Musik neu zu kategorisieren, und dies stärker vom Hörer, von der «Konsumentin» her betrachtet. Ich unterscheide organmässig zwischen «Hirnmusik», «Kehlkopfmusik», «Herzmusik» und «Bauchmusik». Ganz unterschiedliche menschliche Grundfunktionen und -bedürfnisse also. Die Ära des Belcanto, auch Gioachino Rossini, brachte virtuose, fast jeder inhaltlichen Logik befreite Musikwerke hervor, die uns einfach den Hals hinunterperlen. Die grossen Italiener und Franzosen, am deutlichsten Giacomo Puccini, waren Vorläufer unserer heutigen Herzschmerz-Pop­kultur, die Tränen fliessen noch heute üppig, wenn die Helden abtreten. Bei Richard Wagner fliessen keine Tränen, aber unser Bedarf nach Emotion wird reichlich abgedeckt. Der Tristan-Akkord gehört nun einfach auf die einsame Insel. Und die Hirnmusik? Natürlich Johann Sebastian Bach. L’art pour l’art, strenge Logik, Form über alles. Für eine kurze Zeit sind wir nicht Person, sondern Teil eines Grösseren. Arvo Pärt lässt grüssen. Wem dies zu subjektiv-unwissenschaftlich war, dem sage ich: Recht haben Sie.

Heinz Angehrn