«Der Grund für den selektiven Charakter aller unserer Beschreibungen liegt, grob gesprochen, in dem unendlichen Reichtum und in der Mannigfaltigkeit der möglichen Aspekte der Tatsachen unserer Welt. Zur Beschreibung dieser unendlichen Fülle steht uns nur eine endliche Anzahl von Worten zur Verfügung. Wir können also beschreiben, solange wir wollen: unsere Beschreibung wird immer unvollständig sein, sie wird eine blosse Auswahl (und noch dazu eine dürftige Auswahl) der Tatsachen sein, die sich uns zur Beschreibung bieten. Es ist daher nicht nur unmöglich, einen selektiven Gesichtspunkt zu vermeiden, sondern ein solcher Versuch ist auch völlig unerwünscht; denn im Fall eines Gelingens würden wir nicht etwa eine mehr «objektive» Beschreibung erhalten, sondern eine blosse Anhäufung von völlig zusammenhanglosen Sätzen. Aber ein Gesichtspunkt ist natürlich unvermeidbar; und der naive Versuch, ihn zu umgehen, kann nur dazu führen, dass man sich selbst täuscht und unkritisch einen unbewussten Gesichtspunkt anwendet […].
Somit ist es uns in der Geschichte nicht weniger als in den übrigen Wissenschaften unmöglich, einen Gesichtspunkt zu vermeiden; und die Annahme, dass wir ohne einen Gesichtspunkt auskommen können, muss zu Selbsttäuschung und zu Mangel an kritischer Sorgfalt führen. Das bedeutet natürlich nicht, dass es uns gestattet ist, zu falsifizieren, was uns beliebt, oder dass wir in Fragen der Wahrheit sorglos vorgehen können. Jede besondere historische Beschreibung von Tatsachen wird einfach wahr oder falsch sein, wie schwer es auch immer sein mag, über ihre Wahrheit oder Falschheit zu einer Entscheidung zu kommen.»
Karl R. Popper
