Bachs Vokalwerk gehört gewiss zum religiösen und kulturellen Erbe des Abendlandes und muss deshalb den kommenden Generationen weitergegeben werden. Zu dieser Überzeugung gelangte ich über einen langen Lebensweg voller Musik – Knabensopran im Jugendchor, dilettantischer Violinist, Gelegenheitssänger da und dort – und einem steten Interesse an Glaubensfragen. Doch: Wie soll das gehen? Kulturgüter wie Pyramiden und Kathedralen und auch Bilder stehen für sich, auch nach hundert und gegebenenfalls viel mehr Jahren. Musik und Literatur muss man der nächsten Generation förmlich überreichen, wenn man sie erhalten will: zeitgemäss aufführen, aufzeichnen, erklären, schmackhaft machen.
Die Kompositionen Bachs sind nebst den ganz vielen Instrumentalwerken ein Gebirge von über 200 Kantaten, zwei Passionen, dem Weihnachtsoratorium, verschiedenen Kurzmessen und der grossen katholischen Messe in h-Moll. Für den bürgerlichen Konzertbetrieb sind namentlich die Kantaten nur beschränkt geeignet. Sie sind von der Aufstellung her aufwendig (Solisten, Chor, Orchester), meist recht kurz, musikalisch komplex und vom Text her eher sperrig, da in barocker Sprache geschrieben und dem heutigen bibelfernen Publikum fremd. Bach bezieht sich in seiner Musik aber dermassen auf Wort und Inhalt, dass flüchtiges und unverständiges Zuhören unbefriedigend bleibt. Solche Musik weiterzugeben zu wollen, ist ein schwieriges Unterfangen in unserer Zeit.
Die J. S. Bach-Stiftung St. Gallen ging in vollem Bewusstsein um diese Herausforderungen ans Werk und nutzte die Gunst der Stunde bzw. des Aufkommens der sozialen Medien, um mit qualitativ einwandfreien Videos die Jugend der Welt zu erobern. Nach mittlerweile mehr als 20 Jahren haben wir von den monatlichen Konzerten in der Kirche von Trogen AR fast alle Kirchenkantaten ins Netz gestellt, die Videos wurden millionenfach angeschaut und wir verfügen über bald einmal 500'000 sogenannter Followers auf allen Kanälen. Natürlich nicht nur Jugendliche, aber immerhin. Und aus aller Welt mit Schwerpunkt in Brasilien, Mexiko und Kalifornien. Wer hätte das gedacht!
Erkenntnis: Das spirituelle Verlangen der Menschen ist intakt. Musik ist eines der Mittel, es zu wecken und zu nähren. Sie muss zugänglich und packend sein, gleichzeitig hohen Ansprüchen genügen. Bach berührt die Seelen, Bach öffnet ein Fenster zum Himmel, Bach macht «selig» im Sinne der Bergpredigt. Auch und gerade jene, die «arm im Geiste» sind, das heisst: uns alle.
Konrad Hummler*
