100 Jahre Weltmissionssonntag

Das Kampagnensujet für den Monat der Weltmission: Im Zentrum steht die um 1750 von P. Martin Schmid SJ erbaute Kirche San Rafael de Velasco in Bolivien. Ebenfalls dargestellt ist eine Harfe, die vermutlich auf P. Schmid zurückgeht. (Bild: Missio)

 

Seit einigen Jahren hängt eine Tafel am Eingang der Jesuitenkirche in Luzern: «Zum Andenken an P. Martin Schmid SJ, *1694 in Baar †1772 in Luzern, Missionar, Architekt, Komponist in Bolivien 1730–1767, A.M.D.G.»

Ad maiorem Dei gloriam: «Alles zur grösseren Ehre Gottes». Die Jesuitenmissionen in der Chiquitanía im Tiefland Boliviens stiessen erst ab der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts auf breiteres Interesse. Die Reduktionen machte der Spielfilm «The Mission» von Roland Joffé 1986 bekannt. Die in Brand gesetzte Kirche dort erinnert an die Kirche von Santa Ana de Velasco. Diese Kirche wurde zwar nicht von Martin Schmid gebaut, ist aber deshalb interessant, weil sie von der Bevölkerung nach der Vertreibung der Jesuiten 1667 fertiggestellt wurde. Das Erbe der Jesuiten, vermählt mit der lokalen Kultur, lebte weiter. Auch musikalisch. Pater Schmid schreibt 1744 in seinem Brief an P. Schumacher in Luzern: «ich singe, und musiciere auf der orgel, auf der Zitter, auf der Trompete, auf Klarinetten und Harfen, und auf kleineren und grösseren Geigen». Der Autodidakt war auch Instrumentenbauer: «Wirklich alle Städte ertönen von Orgeln, die ich gemacht habe.» Und «in allen Kirchen hört man täglich musikalische Gesänge, so dass die, die erst vor kurzer Zeit mit den wilden Thieren die Wälder bewohnten, und nicht, als mit den Löwen und Tigern zu brüllen, verstunden, jetzt […] ihren Schöpfer zu loben verstehen». 

Dabei, so fährt er fort, singt und spielt er nicht nur, er tanzt auch – wie David vor der Bundeslade. Musik war bei der Missionierung Hispanoamerikas durch die Europäer das bevorzugte Mittel. In der Chiquitanía lebt die Tradition dieser Barockmusik weiter – in jeder Stadt gibt es Musikschulen; man könnte fast sagen, wo andernorts Kinder und Jugendliche durch Fussball auf eine bessere Zukunft hoffen, hoffen viele hier mit der Musik auf einen Karrieresprung. Die Kultur in der Chiquitanía erlebte mit den Restaurierungen des Schweizer Architekten Hans Roth (1934–1999) eine Renaissance. Seit 1986 gehören die Kirchen zum UNESCO-Weltkulturerbe: Holzskelett-Kirchen, die aus der lokalen Kultur mit lokal verfügbaren Materialien entstanden sind.

Papst Leo XIV. schreibt in seiner Botschaft zum 100. Sonntag der Weltmission am 18. Oktober: «Die Evangelisierung verwirklicht sich, wenn die lokalen Gemeinschaften miteinander zusammenarbeiten und wenn kulturelle, spirituelle und liturgische Unterschiede sich voll und ganz und harmonisch in demselben Glauben ausdrücken.» 
Ich hatte das Glück, das Hochfest Peter und Paul in San Javier mitzuerleben: eine lateinische Messe des italienischen Barockkomponisten Giovanni B. Bassani, gespielt und gesungen von Kindern und Jugendlichen; Prozession über den Platz und in die Kirche mit Tänzen von hunderten Yarituses mit Masken und Federschmuck vorchristlichen Ursprungs – ein harmonischer Ausdruck desselben Glaubens: Tanz und Musik A.M.D.G.

Markus Cott*

 

* Markus Cott (Jg. 1969) ist Nationaldirektor von Missio Schweiz. Zuvor arbeitete er zwölf Jahre lang als Integrationsdelegierter des Kantons Schwyz. Während dreizehn Jahren war er für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz in verschiedenen Ländern tätig, darunter Afghanistan, Ruanda, Nepal, Liberia, Äthiopien und Iran. Er studierte Theologie in Chur und Rom, Religionswissenschaften in Paris und erwarb an der London School of Economics einen Master in Social Policy für Entwicklungsländer.

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Editorial

Mission als zentrale Basis

«Nur wer sich selbst führen kann, sollte andere führen dürfen», sagt Dr. phil. Burkhard Bensmann, Experte für Selbstführung aus Osnabrück (D). Ich stimme dem Mann zu. Denn Resilienz hat mit persönlicher Mission sehr viel zu tun, ja ist vielleicht untrennbar mit ihr verknüpft. Aber wie kann die eigene Sinnsetzung als Basis für das eigene Planungssystem dienen? «Indem die Selbstführung gestärkt wird», rät Dr. Bensmann und bietet dazu diverse Workshops an. Aus seiner Sicht sind es vor allem drei Phänomene, die für Menschen in turbulenten Zeiten, wie wir sie derzeit erleben, herausfordernd sind: Beschleunigung, Fragmentierung und Unberechenbarkeit. Die weltweiten Krisen verstärken diese Phänomene noch und führen zu einem Gefühl der Unsicherheit. «Wir segeln auf Sicht», beschrieb es der verstorbene Psychologe Peter Kruse, und meinte damit, dass wir nicht wissen, was sich hinter dem Horizont oder im Nebel verbirgt. Selbstführung umfasst Einstellungen und Methoden zur zielge­richteten Führung der eigenen Person, was zur persönlichen Mission werden sollte. Weil Mission den eigentlichen Grund, die Daseinsberechtigung oder auch den Sinn eines Individuums umfasst. Es geht also primär um die eigene, bewusste Sinnsetzung – sie wird damit zur Mission «persönliches Lebenswerk» und befriedigt ganz nebenher das uns allen innewohnende Streben, ein besserer Mensch zu werden.

Brigitte Burri