Die römisch-katholische Kirche befand sich zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg in einer mehrfachen Sandwich-Position. Mit der Wahl von Pius XI. im Jahr 1922 war der Papst weiterhin der «Gefangene im Vatikan». Anders als Leo XIII. spendete Pius XI. den ersten Segen nicht mehr gegen innen in die Petersbasilika, sondern schweigend zum Petersplatz und zur Stadt Rom hingewandt – ein Zeichen der Öffnung. Nach aussen profilierte er sich als Gegner totalitärer Systeme. Gleichzeitig war er gezwungen, mit Diktatoren politische Lösungen zu suchen: Mit Benito Mussolini gelang 1929 die Beilegung der Römischen Frage, mit Adolf Hitler wurde 1933 das Reichskonkordat abgeschlossen, um kirchliche Handlungsspielräume zu sichern. Dass beide Abkommen nur begrenzt tragfähig sein würden, war nicht absehbar. Denn kirchliches Leben vollzieht sich nicht im klinisch reinen Labor, sondern in der widersprüchlichen Realität politischer und gesellschaftlicher Machtverhältnisse.
Eine ähnliche Zwischenposition nahm die katholische Kirche in der Schweiz ein. Mit der Errichtung der Nuntiatur in Bern 1920 entspannte sich das Verhältnis zwischen dem Heiligen Stuhl und dem liberal geprägten Bundesstaat spürbar – auch wenn die Schweiz erst 2022 eine Botschaft beim Heiligen Stuhl eröffnete. In der Zwischenkriegszeit konnte der Kulturkampf auch auf lokaler Ebene überwunden werden. In katholisch geprägten Kantonen entstand eine konfessionell geschlossene Sondergesellschaft mit einer bemerkenswerten organisatorischen Dichte. Geistliche wie Laien schufen mit grossem Engagement ein engmaschiges Netz kirchlicher Institutionen und Verbände (Katholische Aktion); und auch der Diasporakatholizismus verzeichnete enorme Fortschritte.
Während manche Schweizer Bischöfe scharf gegen moderne Entwicklungen polemisierten, fasste die liturgische Bewegung vor allem in neuen Jugendorganisationen Fuss.
Gerade diese Kompaktheit erwies sich längerfristig auch als ambivalent. Sie ging mit Ausgrenzungsmechanismen einher und setzte stärker auf Zahlen, äussere Geschlossenheit und sichtbare Präsenz als auf persönliche Glaubensüberzeugung. Paradoxerweise war die Kirche in den vermeintlich guten Jahren der Zwischenkriegszeit mit ihren eindrucksvollen Katholikentagen womöglich stärker gefährdet als in Zeiten der Krise wie heute, in denen die persönliche Entscheidung gefordert ist. Die dichte Sozialkontrolle des katholischen Milieus erwies sich jedenfalls langfristig nicht als tragfähiges Fundament: Nach 1945 zerfiel dieses Milieu rasch.
Nach der massiven Verkirchlichung in den Jahren 1850 bis gegen 1950 ist die bis heute andauernde Entkirchlichung nach dem Zweiten Weltkrieg ein Stück weit eine zu erwartende Gegenbewegung. Die Folgen der gegenwärtigen enormen und schnellen Veränderungen sind noch nicht absehbar, auch nicht institutionell. Was war und ist entscheidend? Romano Guardini brachte dies bereits 1922 so auf den Punkt: «Die Kirche erwacht in den Seelen.»
Urban Fink-Wagner*
