Franz von Assisi faszinierte mich als Jugendliche besonders in seiner Freiheit, das Gewohnte und Vertraute hinter sich zu lassen und auf jede Sicherheit zu verzichten. Seine Haltungen, das Leben zu geniessen, Freude aus Begegnungen und Beziehungen zu schöpfen, positiv und mutig auch mit Widerständigem umzugehen, nie oberflächlich, sondern tiefgründig das Gegenwärtige zu durchdringen, inspirieren mich immer neu. Warum fasziniert er heute genauso wie damals? Nicht nur Christinnen und Christen, auch Andersgläubige und ebenso jene, die von sich sagen, sie seien ungläubig?
Franziskus suchte auf seine Fragen und Probleme nach der Antwort aus dem Evangelium, dem Leben von Jesus und dem, was die Jünger darüber erzählten und was aufgeschrieben wurde. Er gründete kein Kloster, er wehrte sich gegen Einschliessungen und jede Form von Machtansprüchen. Die Begegnung mit dem Aussätzigen hatte ihn verstehen lassen, dass die Zuwendung zur leidenden Schöpfung Werk Gottes ist. Sie vollendete sich in der inneren Bekehrung, der Hinkehr zu den evangelischen Werten. Die Botschaft des Evangeliums zu verstehen und Christus nachzufolgen, wurde sein Beweggrund für alles und in allem. Sein Entschluss war gereift: Er wollte «nur» das Evangelium leben. In der Betrachtung und in der Meditation erkannte er, wie er es praktisch übersetzen konnte. Das Evangelium wurde mehr und mehr seine Lebensform. Er und seine Brüder zogen in dieser Kraft und mit dieser Inspiration durch die Welt als Wanderprediger. Sie erschlossen es in Wort und Tat für die Menschen aller sozialen Schichten und Stände. Sie berührten die Herzen der Menschen in ihren Predigten, bei Gesprächen unter Leuten, die ihnen Gastfreundschaft anboten, bei der Arbeit, mit der sie sich das Lebensnotwendige verdienten, im Austausch mit Männern der Kirche, die sich für den Aufbruch der Brüder interessierten.
Eloi Leclerc schreibt in seinem Buch «Weisheit eines Armen» aus einem Gespräch zwischen Franz und dem jungen Bruder Tankred berührend und für jede und jeden verständlich, was Franziskus uns im Hier und Heute als Vermächtnis gibt:
«Man bringt einem Menschen das Evangelium, indem man zu ihm sagt: Auch dich liebt Gott in unserem Herrn Jesus Christus. Und man darf es ihm nicht nur sagen, man muss es auch wirklich denken. Und es nicht nur denken, sondern man muss mit diesem Menschen so umgehen, dass sich ein neues Selbstbewusstsein in ihm entwickelt. Das heisst, ihm die Frohe Botschaft bringen. Es gelingt dir nicht, wenn du ihm nicht deine Freundschaft anbietest. Eine richtige, eine selbstlose, keine herablassende Freundschaft, eine Freundschaft, die auf Vertrauen und Respekt gründet.»
Sr. Beatrice Kohler*
