John Henry Newman

John Henry Newman CO (* 21. Februar 1801 in London; † 11. August 1890 in Edgbaston, heute Birmingham) war ein Kardinal der römisch-katholischen Kirche. (Bild: Wikipedia)

 

«Lieber Herr Regens! Der Eifer für ihren grossen Heiligen ist der frommen Gemeinschaft in Westbury ganz natürlich und geziemend; und gerne würde ich tun, was in meinen Kräften steht, das Ziel zu fördern, worüber sie Ihnen schreiben. Soweit mein eigenes Gefühl in Betracht kommt, würde mich zudem nichts mehr freuen, als wenn der Heilige Vater den heiligen Franz von Sales zum Kirchenlehrer erklärte. Doch scheint mir, der Heilige Stuhl hat allein die Mittel, zu beurteilen, wer durch seine Schriften diese hohe Ehre verdient. Bei der Heiligsprechung ist es allerdings verständlich, wenn auch an die Stimme des Volkes appelliert wird, denn Heiligkeit kann nicht nur von guten Katholiken, auch von schlechten, ja auch von Nichtkatholiken erfasst werden. Doch nur der Gelehrte kann Gelehrte beurteilen und nur der allgemeine Lehrer der Kirche, der Heilige Vater selbst, kann über Kirchenlehrer entscheiden.

Ihr Brief macht es notwendig, für mich selbst und aus mir selbst zu sprechen. Ich verstehe nach Zahl und Art nicht, warum die jetzigen Kirchenlehrer ausgewählt wurden. Es ist leicht einzusehen, warum der heilige Gregor von Nazianz oder der heilige Augustinus, der heilige Leo oder der heilige Thomas Kirchenlehrer sind; aber warum sollte der heilige Petrus Chrysologus, der heilige Isidor oder der heilige Petrus Damiani auf der Liste stehen und der heilige Antonius und der heilige Laurentius Justiniani nicht? Aus eigener Findigkeit kann ich nicht entdecken, warum der heilige Alfons vor kurzem zum Rang eines heiligen Athanasius und heiligen Hieronymus erhoben worden ist. Ich begreife nicht recht, warum nie eine Frau zum Kirchenlehrer ernannt worden ist; denn wenn auch der heilige Paulus sagt, sie ‹sollen in der Kirche schweigen›, so spricht er von kirchlicher und formeller Lehrtätigkeit, nicht von den übernatürlichen Gaben und grossen Werken wie bei einer heiligen Katharina von Siena. Der Schluss, den ich daraus ziehe, ist klar. Wenn ich, mir selbst überlassen, solche Missgriffe machen würde in der Bestimmung, wer Kirchenlehrer ist und wer nicht, angesichts der bestehenden Liste, wie kann ich behaupten, ich könnte richtig beurteilen, ob der grosse und herrliche heilige Franz von Sales die Eigenschaften eines Kirchenlehrers hat oder nicht? Nein – diese Dinge sind Glaubenssache. Was der Heilige Vater dafürhält, halte ich auch dafür; in einer so tiefen und heiligen Angelegenheit folge ich ihm, ich gehe ihm nicht voran. Die ehrwürdige Mutter wird mit mir darin sicher sympathisieren, auch wenn sie nicht mit mir einig sein sollte.»

John Henry Newman
(Brief an Regens Dr. Northcote
vom 20. September 1874)

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Editorial

Lesen als Lebenselixier

Es gibt drei Orte, wo ich über Nacht gerne eingesperrt wäre: in einem Pferdefachgeschäft, in einem Delikatessenladen oder in einer Bibliothek. Letztere, weil sie am meisten Stoff für geistige und lehrreiche Explorationen bietet. Das ist eine keinesfalls verstaubte Idee, denn die jüngst erschienene Auswertung durch die Hochschule ZHAW im Auftrag von Bibliosuisse bestätigt, dass Bibliotheken trotz digitalem Zeitalter angesagt sind und sogar mehr Besucherzahlen aufweisen. So zeigt die eindrückliche Anzahl von fast 30 Mio. Eintritten im letzten Jahr, dass Bibliotheken als Aufenthaltsort beliebt sind. Sie werden als Orte zum Verweilen, Lernen und Begegnen geschätzt. Ich versäume es auch nie, im Ausland Bibliotheken aufzusuchen; den speziellen Geruch (wie er auch Kirchen eigen ist) einzuatmen und mich auf Überraschungen und Entdeckungen einzulassen. Nicht selten sind interessante Menschen anzutreffen, aus denen sich erfüllende Begegnungen spinnen. Lesen ist eben auch ein Lebenselixier für Geist und Seele, hat positive Auswirkungen auf unsere mentale Gesundheit, die kognitive Leistungsfähigkeit und auf unser Wohlbefinden. Nur: Eine Nacht würde niemals ausreichen, alle Schätze zwischen zwei Buchdeckeln auch nur ansatzweise zu heben. Gut, können wir uns ein Leben lang mit Lesen vergnügen, zerstreuen, uns weiterbilden, lernen und nicht zuletzt immer wieder im Buch der Bücher über Sinn und Zweck unseres Daseins nachforschen.

Brigitte Burri