Die Dialoggruppen im Bistum Basel haben das Themenfeld «Unterscheiden und Entscheiden» weniger gewählt als andere Themen. Reine Frauengruppen besprachen diese Themen mehr als Männergruppen oder gemischte Gruppen. Die Altersgruppe 40 bis 64 Jahre hat sich weniger damit beschäftigt als die Gruppen Jüngerer und Älterer.
Atmosphäre des Vertrauens
Unterscheidungsprozesse brauchen eine Atmosphäre des Vertrauens. Vier Haltungen fördern sie: sich in andere hineinversetzen (63 Prozent Zustimmung); sich vergegenwärtigen, dass alle Kinder Gottes sind (58 Prozent); sich ohne Vorurteile begegnen (55 Prozent) und akzeptieren, dass die Stimme des Heiligen Geistes vielfältig ist (51 Prozent). Die Dialoggruppen erwarten, dass Entscheide von Entscheidungsträgern und Entscheidungsträgerinnen selber auch gelebt werden (66 Prozent) und Entscheidungsprozesse nachvollziehbar sind (55 Prozent). Und wann werden Unterscheidungsprozesse als geistliche Prozesse erlebt? Im kirchlichen Kontext erleben es 49 Prozent in einer wertschätzenden Gesprächs- und Entscheidungskultur, die begleitet ist von Sachlichkeit (47 Prozent) und Gebet (44 Prozent).
Unterscheiden vor Entscheiden
In der synodalen Versammlung in Basel ist mir aufgefallen, dass viele von Entscheiden redeten, wenige von Unterscheiden. Das schlägt sich nieder in den Anliegen an die Synode 2023, die alle Entscheidungsprozesse betreffen. Doch gute Entscheide ohne Unterscheidung sind selten. Das Vorbereitungsdokument zur Synode 2023 betont: «In einem synodalen Stil wird durch Unterscheidung auf der Basis eines Konsenses entschieden, der aus dem gemeinsamen Gehorsam gegenüber dem Geist hervorgeht.» (S. 22)
Wer die Charismen stark macht, fordert zu Recht, dass alle im Unterscheidungsprozess mit ihrem Charisma mitwirken. Wohin drängt der Heilige Geist? Was sagt er mir? Was sagt er dir? Horchen wir gemeinsam und unterscheiden die Antworten, bis wir den Konsens gefunden haben, die Entscheidung reif ist. Das ist anspruchsvoll, aber möglich.
Veränderung vor Forderung
Bei der Synoden-Eröffnungsmesse am 10. Oktober 2021 meditierte Papst Franziskus über die drei Verben des synodalen Weges: begegnen, zuhören, unterscheiden. Zu Letzterem sagte er: «Sich zu treffen und einander zuzuhören ist kein Selbstzweck, der die Dinge lässt, wie sie sind. Im Gegenteil, wenn wir in den Dialog eintreten, stellen wir uns selbst in Frage, wir machen uns auf den Weg, und am Ende sind wir nicht mehr dieselben wie vorher, wir haben uns verändert.» Einem synodalen Stil zustimmen heisst auch, mich selbst in Frage stellen zu lassen. Jesu Wort «Kehrt um und glaubt an das Evangelium» gehört dazu. Auch das ist anspruchsvoll, aber möglich.
Sendung vor allem
Die Synode 2023 trägt den Titel «Für eine synodale Kirche: Gemeinschaft, Teilhabe, Sendung». Es wurde im Blick auf die Dialoggruppen und die synodale Versammlung zu Recht angemahnt, dass der Auftrag der christlichen Gemeinschaften wegleitend sei. Wie gewinnt die Freude an der Sendung wieder Kraft? Was motiviert, Fähigkeiten und Zeit wieder in christliches Engagement zu stecken? Es wird viel vom «Weniger» geschrieben: Weniger Gläubige, weniger Freiwillige, weniger Bedeutung, weniger Geld. Der Nazoräer sah das anders: «Ich bin gekommen, damit sie das Leben in Fülle haben» (Johannes 10,10). Dieser Dynamik kann christliche Gemeinschaft Kraft geben. Auch das ist anspruchsvoll, aber möglich.
Markus Thürig