«Vatikanisches Geheimarchiv»: Diese frühere Bezeichnung des wohl wichtigsten und grössten päpstlichen Archivs, das bis 2019 als «Archivio Segreto Vaticano» bezeichnet wurde, gab schon zu vielen Assoziationen und Spekulationen Anlass, die nicht der Realität entsprechen. So ist die Beschreibung des Vatikanischen Geheimarchivs in Dan Browns «Illuminati» von 2003 nichts anderes als ein reines Fantasieprodukt. Mit der Umbenennung des Vatikanischen Geheimarchivs in Vatikanisches Apostolisches Archiv (Archivio Apostolico Vaticano) im Jahre 2019 wollte Papst Franziskus solche falschen Assoziationen aus dem Wege räumen. Der Begriff «geheim» meint nichts anderes als «privat». Und ein privates Archiv ist das Vatikanische Apostolische Archiv bis heute, auch wenn es seit 1881 für die Wissenschaft zugänglich ist. In diesem Jahr machte Leo XIII. die Bestände bis ins Jahr 1815 zugänglich, Pius XI. 1924 die Bestände bis 1846. Seither werden ganze Pontifikate bereitgestellt, so 1978 / 1985 die Bestände bis zum Tod Benedikts XV. (1922). Im Jahr 2000 wurden die Archivbestände über das Zweite Vatikanische Konzil zugänglich gemacht und 2003 / 2006 der Pontifikat von Pius XI. (1922–1939). Am 2. März 2020 schliesslich wurden die Akten Pius XII. bis 1958 freigegeben, soweit zu den zahlreichen Einzelbeständen schon Inventare vorliegen.
Schweizer Forscher im Vatikan
Seit der Öffnung des Vatikanischen Geheimarchivs durch Papst Leo XIII. im Jahre 1881 benutzten und benutzen nur einzelne Schweizer Forscher das Vatikanische Archiv – im Gegensatz zu Deutschland und Österreich, die eigens zur Erforschung vatikanischer Quellen staatliche oder kirchliche Forschungsinstitute gründeten und wissenschaftliche Publikationsreihen herausgeben. Die institutionellen Voraussetzungen für eine umfassende Auswertung vatikanischer Quellen bezüglich der Schweizer Profan- und Kirchengeschichte sind eher ungünstig, was angesichts der Fülle der Unterlagen und der Informationsdichte sehr bedauerlich ist. Ein Grund dafür war der Abbruch der diplomatischen Beziehungen der Schweiz zum Heiligen Stuhl im Jahre 1873. Zwar näherten sich der Vatikan und die Schweiz während des Ersten Weltkriegs wieder an, was 1920 die Einrichtung der Päpstlichen Nuntiatur in Bern ermöglichte. Der für die Aussenpolitik zuständige, damals noch stark freisinnig und reformiert geprägte Schweizer Bundesrat übte aber noch kein Gegenrecht aus. Erst die Wirren um den Churer Bischof Wolfgang Haas hatten 1991 die Ernennung eines Schweizer Sondergesandten beim Heiligen Stuhl zur Folge und ermöglichten eine weitere Annäherung der offiziellen Schweiz zum Heiligen Stuhl, die als Schlusspunkt nächstens die Einrichtung einer Schweizer Botschaft beim Heiligen Stuhl zur Folge haben sollte.
Zwar ist die Villa Maraini seit 1947 Sitz des von der Eidgenossenschaft finanzierten Schweizer Instituts in Rom, das einen wichtigen Beitrag zur Förderung der wissenschaftlichen und kulturellen Beziehungen zwischen der Schweiz und Italien leistet. Bis jetzt gab es dort aber nur einzelne Stipendiaten, die im Vatikanischen Archiv Forschungsarbeit geleistet haben. Wichtiger für Schweizer Vatikanforscher ist das im Campo Santo beheimatete Römische Institut der Görres-Gesellschaft und das Anima-Kolleg, die einigen Schweizer Nuntiaturforschern Unterkunft boten.
Schweizer Forschungsschwerpunkte
Um 1900 stand bei Franz Steffens und Heinrich Reinhardt die Erforschung der noch nicht ständigen Nuntiatur von Giovanni Francesco Bonomi1579–1581 im Vordergrund. 1945 publizierte Myriam Giovannini über Nuntius Federico Borromeo (1654–1665). Nach dem Zweiten Weltkrieg benutzten die Kirchenrechtler Alois Rudolf von Rohr und Alfred Bölle Vatikanbestände für die Erforschung des Basler Domkapitels und des Basler Diözesanseminars. Im letzten Quartal des 20. Jahrhunderts wurden einzelne Luzerner Nuntien aufgearbeitet, so durch Pierre-Louis Surchat die Nuntiatur Ranuccio Scotti (1630–1639) [veröffentlicht 1979], durch Josef Wicki die Nuntiatur Fabrizio Sceberras Testaferrata (1803–1816) [1985], durch Roger Liggenstorfer die Nuntiatur von Domenico Passionei (1725–1739) [1990] und durch Urban Fink im Rahmen seiner Arbeit über die Luzerner Nuntiatur 1586–1873 vor allem die Luzerner Nuntien des 18. Jahrhunderts [1995]. 2017 legte Roger Liggenstorfer in Zusammenarbeit mit verschiedenen Forschern ein Inventar über das Luzerner Nuntiaturarchiv vor, das der jurassische Immenseer Missionar und Historiker André-Jean Marquis, der von 1963 bis 1994 als Archivar im Vatikanischen Archiv gearbeitet hatte, initiiert hatte. Regelmässige und gewichtige Veröffentlichungen mit Quellen aus dem Vatikanischen Archiv verzeichnet der Freiburger Papst- und Konzilshistoriker Philippe Chenaux, der als Professor für moderne und zeitgenössische Kirchengeschichte an der Lateran-Universität in Rom tätig ist. Was die Universität Freiburg i. Ü. betrifft, werteten in den letzten Jahrzehnten zwei Professoren für Geschichte der Neuzeit, Heribert Raab und vor allem Volker Reinhardt, vatikanische Quellen für vielfältige Veröffentlichungen zur Kurie, zum Kirchenstaat und zum Stichwort Rom aus.
Die beiden Kirchengeschichtsprofessoren Franz Xaver Bischof und Markus Ries forschten im Vatikanischen Archiv über den Untergang der Diözese Konstanz [1989] und über die Neuumschreibung des Bistums Basel [1992]. Laurent Koelliker untersuchte die Bestrebungen des Heiligen Stuhls zur Regelung der römischen Frage nach 1870 [2002], und 2020 legte Lorenzo Planzi zum 100-Jahr-Jubiläum der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen des Heiligen Stuhls mit der Schweiz einen dreisprachigen Überblick mit dem Titel «Der Papst und der Bundesrat. Vom Bruch 1873 zur Wiedereröffnung der Nuntiatur in Bern 1920» vor, dem eine wissenschaftliche Publikation folgen wird. 2021 schliesslich publizierte Mario Galgano über «Das Bild der Schweiz bei den Papstgesandten (1586–1654)».
Forschungslücken
Selbstverständlich kann über einzelne Vertreter der Luzerner Nuntiatur noch viel Neues zutage gefördert werden, aber die Hauptlinien der Geschichte der Luzerner Nuntiatur im Ancie Régime sind aufgearbeitet. Grosse Forschungslücken, die unbedingt noch geschlossen werden sollten, ergeben sich jedoch bei den Quellenbeständen im 19. Jahrhundert bis zum Untergang der Luzerner Nuntiatur 1873 / 74.
Ganz neue Möglichkeiten ergeben sich mit den Beständen des 20. Jahrhunderts: die Nuntiaturen von Luigi Maglione (1920–1926), Pietro De Maria (1926–1935) und Filippo Bernardini (1935–1953). Filippo Bernardini hat unter diesen drei Berner Nuntien nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ die grösste Bedeutung. Während im Berner Nuntiaturarchiv für Maglione und seinen inoffiziellen Vorgänger Francesco Marchetti-Selvaggiani 64 und für De Maria nur 15 Archivschachteln überliefert sind, umfasst die lange Nuntiatur von Filippo Bernardini 152 Archiveinheiten.
Aufgrund den bereits 1965–1981 in den «Actes et documents du Saint-Siège à la Seconde Guerre mondiale» veröffentlichten Quellen aus dem Vatikanischen Archiv und zahlreichen weiteren Quellen war es mir im von Prof. Dr. Victor Conzemius geleiteten Projekt «Schweizer Katholizismus 1933–1945» möglich, die Hauptlinien der Nuntiatur Bernardini in einem Aufsatz 2001 darzulegen. Schon damals betonte der spätere Oltner Vatikandiplomat Bruno Heim (1911–2003), der als Interniertenseelsorger im Zweiten Weltkrieg mit Bernardini engen Kontakt pflegte und diesen sehr schätzte, die grosse Bedeutung von Bernardini.
Ein kursorischer Durchgang durch das im Vatikanischen Archiv einsehbare umfangreiche Inventar über die Nuntiatur Bernardini («Indice 1225A» vom Januar 2020) zeigte vor Kurzem noch deutlicher auf, dass dieser Nuntius während des Zweiten Weltkriegs gegenüber dem Vatikan sowie im Verkehr mit anderen Nuntien und gegenüber der offiziellen Schweiz eine herausragende Rolle spielte. Mit dem nun bis 1953 zugänglichen Berner Nuntiaturarchiv ist es möglich, bis in Einzelheiten Bernardinis Wirken in der Schweiz nachzuzeichnen. Neben den für einen Nuntius üblichen Amtsgeschäften wie Bischofsernennungen, Diözesen und Orden, Universitäten und Seminare usw. tauchen im Inventar bald Stichworte wie Völkerbund, Internationales Rotes Kreuz, Weltkrieg, Verschwundene, Kriegsgefangene und Internierte sowie internationale Organisationen auf. Diese für die Schweizer Geschichte wichtigen Quellen warten darauf, bald gehoben zu werden.
Urban Fink-Wagner