Fremd und doch zu Hause

In vielen Gebieten der Schweiz arbeiten ausländische Priester, so auch im Bistum Lugano. Die SKZ hat bei zwei Priestern nachgefragt, was sie in die Schweiz geführt hat und wie sie ihre ersten Jahre hier erlebt haben.

Don Valentin Kokou Tafou (Jg. 1968, links) kommt aus dem Togo. Er studierte an der Theologischen Fakultät in Lugano Theologie und Philosophie. Seit 2013 ist er Pfarrer in Viganello TI. Don Michal Podbielski (Jg. 1986) kommt aus Polen. Er studierte ab 2016 Kirchenrecht an der Theologischen Fakultät in Lugano. Seit 2019 ist er Pfarradministrator der Pfarreien Morcote und Vico Morcote TI. Seit 2020 studiert er Kirchenrecht an der Päpstlichen Universität St. Thomas von Aquin in Rom. (Bilder: zvg)

 

SKZ: Wie kamen Sie in die Schweiz?
Don Valentin Tafou: Meine philosophischen und theologischen Studien führten mich über eine Ordensgemeinschaft nach Lugano.

Was sind die Hauptunterschiede zu Ihrem Herkunftsland?
Da ich aus einer Kultur komme, in der man «die Zeit mit jedem Menschen, den man trifft, geniessen soll», war die Eile die erste Schwierigkeit, mit der ich konfrontiert wurde. In der Schweiz sind fast alle in Eile. Eines Tages, nachdem ich einen Mann mit «Guten Morgen» begrüsst hatte, hörte ich ihn sagen: «Kennen wir uns?» Ein weiterer Unterschied, der mir sofort aufgefallen ist, ist der Sinn für Familie. Während in meinem Land die Familie aus einer grossen Anzahl von Personen besteht (die sogenannte Grossfamilie), ist sie hier in der Schweiz viel kleiner.

Was half Ihnen, sich in der Schweiz einzuleben?
Die Freundschaft und die Gastfreundschaft so vieler Menschen, die mir durch Ermutigung, aber auch in materieller und finanzieller Hinsicht zur Seite standen.

Wie unterscheidet sich die Kirche in der Schweiz von der Kirche in Ihrem Herkunftsland?
Es ist vor allem der kulturelle Faktor, der den Unterschied zwischen der Kirche in Togo und der Kirche in der Schweiz ausmacht. In einem Land, in dem rund vierzig ethnische Gruppen zusammenleben, sind grosse Anstrengungen erforderlich, um die Botschaft des Evangeliums allen zugänglich zu machen. Genau zu diesem Zweck hält der Zelebrant der normalen Sonntagsmesse zum Beispiel die Predigt manchmal in zwei oder mehr Landessprachen, um das Verständnis zu erleichtern. Daher kann man verstehen, warum die Eucharistiefeiern in Afrika – zusätzlich zu den Gesängen und Tänzen – im Allgemeinen länger dauern. Ein weiterer Unterschied, der meines Erachtens hervorgehoben werden muss, ist die Gemeinschaftsarbeit im Togo, die sogenannte «Teamarbeit» und die Freiwilligenarbeit, bei der das Prinzip «alle für einen und einer für alle» gilt.

Was könnte die Kirche in der Schweiz von der Kirche in Togo lernen und umgekehrt?
Aus meinem eigenen kulturellen Kontext heraus kann ich Zeit für Begegnung und Zuhören anbieten, dann Annahme, Geduld, Verständnis, Mitgefühl und, falls angemessen, Begleitung. Auf der spirituellen und liturgischen Ebene kann ich mehr Zeit anbieten, um den Herrn zu preisen und bei ihm zu sein. Von der Schweizer Kirche hingegen kann ich den Wert der Solidarität, des Teilens, der Planung der pastoralen Aktivitäten und der ständigen Weiterbildung der Priester lernen, um den neuen Herausforderungen in der Welt und durch die Welt zu begegnen.

Was ist Ihrer Meinung nach eine notwendige Voraussetzung für Priester, die in einem anderen Land arbeiten wollen?
Meines Erachtens ist eine notwendige Voraussetzung für Priester die Integration, der Geist der Anpassungsfähigkeit.

Aus Ihrer persönlichen Erfahrung: Wie kann das Ordinariat oder die Pfarrei ausländischen Priestern helfen, sich mit der neuen Situation vertraut zu machen?
Meiner Erfahrung nach können die Nähe und das Interesse des Ordinariats, der Pfarrei oder der Gemeindemitglieder im Allgemeinen ausländischen Priestern helfen, sich mit der neuen Situation vertraut zu machen.

Interview: Rosmarie Schärer
 


 

SKZ: Wie kamen Sie in die Schweiz?
Don Michal Podbielski: Mein Erzbischof in Polen schickte mich zum Studium des Kirchenrechts nach Lugano und nach zweieinhalb Jahren erhielt ich von Bischof Lazzeri den Vorschlag, das Amt des Administrators der Pfarreien Morcote und Vico Morcote zu übernehmen.

Was sind die grössten Unterschiede zu Ihrem Heimatland?
Natürlich machen sich die Unterschiede in Kultur, Mentalität und Herangehensweise an verschiedene soziale Fragen bemerkbar. Ich konzentriere mich jedoch nicht auf die Unterschiede, sondern suche nach Gemeinsamkeiten, die in unseren Herzen verwurzelt sind. Ich suche den Kontakt zu meinen Gemeindemitgliedern, aber auch zu anderen Personen. Ich verschliesse mich niemandem, denn durch jeden Menschen kommt Jesus zu uns. Selbst in der einfachsten Begegnung können wir plötzlich etwas Besonderes entdecken.

Was half Ihnen, sich in der Schweiz einzuleben?
Vor allem meine Beziehung zu Jesus und befreundete Priester. Als ich ankam, musste ich meine Arbeitsweise ändern. Ich war zuvor in einer Pfarrei, hatte eine grosse Jugendgruppe, viele Ministranten und verbrachte viel Zeit mit Beichthören und der Katechese. In der Schweiz musste ich mich hauptsächlich auf mein Studium konzentrieren. Das war nicht einfach, da meine Sprachkenntnisse bescheiden waren. Aber Gott hat mir geholfen, auch diese Erfahrungen zu leben und zu überwinden. Ich war nicht immer mit ihm einverstanden, aber wenn ich jetzt zurückblicke und die vergangenen Jahre Revue passieren lasse, kann ich sagen, dass er einen unglaublichen Plan in all dem hatte. Er liess mich am richtigen Ort und zur richtigen Zeit Menschen begegnen, denen ich noch heute sehr dankbar bin.

Wie unterscheidet sich die Kirche in der Schweiz von der Kirche in Ihrem Heimatland?
Die kleinen Pfarrgemeinden sind ein grosser Vorteil. Ich kann jeden kennenlernen und auf jeden ganz individuell eingehen. Man spürt den Geist der Tradition, aber er ist nicht so ausgeprägt. Die Wahrnehmung eines Priesters in der Gesellschaft ist hier ein wenig anders: Der Priester soll den Menschen nahe sein, in erster Linie als Freund und erst danach als Pfarrer. Es ist schwierig, diese beiden Realitäten immer perfekt auszubalancieren, aber mit Gottes Hilfe hoffe ich, dass ich gemeinsam mit den Gläubigen den richtigen Kompromiss und das richtige Gleichgewicht finden werde. Ein grosser Vorteil, den ich festgestellt habe, ist eine gut organisierte Verwaltungsstruktur, deren Verantwortung den Laien anvertraut wird. Und so sollte es auch sein, denn der Pfarrer wechselt irgendwann die Pfarrei, aber die Gläubigen bleiben und sollen mit ihrer Kirche verbunden sein. Sie müssen sich darüber im Klaren sein, dass die Pfarrei ihnen gehört und vieles von ihrem Handeln und ihrer Initiative abhängt.

Was könnte die Kirche in der Schweiz von der Kirche in Polen lernen und umgekehrt?
Ich möchte keinen Vergleich anstellen, da jeder Ort, jedes Land seine eigenen schönen Eigenschaften hat und mich jede Realität bereichert. Ich hoffe, dass ich mit meinem Leben bezeugen kann, wie sehr wir von Gott geliebt werden und wie wichtig wir für ihn sind. Wenn wir mit dem Herrn an unserer Seite durchs Leben gehen, sind wir wirklich sehr glücklich.

Was ist Ihrer Meinung nach eine Voraussetzung für Priester, die in einem anderen Land arbeiten wollen?
Eine Beziehung zu Jesus zu haben, Glauben an seinen Plan und Vertrauen in ihn! Und dann das Wissen, dass die Kirche universal ist. Offenheit für die Menschen und für neue Erfahrungen. Erwartungen und Vorurteile hinter sich zu lassen und vor allem bei Schwierigkeiten durchzuhalten.

Wie kann das Ordinariat oder die Pfarrei ausländischen Priestern helfen, sich mit der neuen Situation vertraut zu machen?
Jede Beziehung hängt von beiden Parteien ab. Ich bin der Meinung, dass die Offenheit und das Verständnis des Pfarrers gegenüber der Pfarrei und der Pfarrei gegenüber dem Pfarrer sehr wichtig sind. Sicherlich ist die Präsenz des Priesters wie auch der Gläubigen von grundlegender Bedeutung. Eine lebendige und reale Präsenz nicht nur im geistlichen, sondern auch im alltäglichen Leben. Und das Wichtigste ist, dass wir füreinander beten.

Interview: Rosmarie Schärer