«Jeder Mensch ist kreativ»

Kreativität drückt sich in verschiedenen Formen des Menschseins aus, ist die Malerin und Kunsttherapeutin Carmen Indergand-Bira überzeugt. Gestalterische Tätigkeiten wecken die ureigene Kreativität jedes Menschen.

«Gottesmutter mit Jesuskind» von Carmen Indergand-Bira, 2019. Hinterglasmalerei (spiegelverkehrt aufs Glas malen mit Pigmenten und Ei-Emulsion).

 

SKZ: Wie haben Sie Ihr künstlerisches Talent entdeckt?
Carmen Indergand-Bira: Ich war etwa 24 Jahre alt und studierte am polytechnischen Institut in Bukarest. Ich war bei meiner Freundin Maria, die künstlerisch tätig war, zu Besuch. Ich bewunderte ihre Werke, ihr Talent und ihr Zuhause, das belebt von Bildern und Skulpturen war. Maria sagte zu mir: «Du könntest auch zeichnen und malen. Wenn du möchtest, bringe ich es dir bei.» Ich sagte sofort zu, und die erste Lektion begann. Meine erste Zeichnung stellte zwei Heilige dar. Die Proportionen stimmten nicht. Trotzdem gefiel mir der kreative Akt des Zeichnens. Die Bescheidenheit der notwendigen Mittel bezauberte mich: Ich hatte einen Bleistift in der Hand und ein Blatt vor mir. Ich hinterliess Spuren auf diesem Blatt und konnte diese Spuren lesen. Das Resultat meiner Arbeit, die Zeichnung, war der konkrete Beweis meines Unternehmens. Die Wolke der abstrakten Theorien löste sich auf. Ich spürte eine Erleichterung. Ich hatte meinen Weg gefunden. Ein paar Jahre später schloss ich mein Studium an der Kunstuniversität in Bukarest ab.

Was möchten Sie mit Ihrer Kunst bewirken?
Meine Bilder erzählen Geschichten. Durch meine gestalterische Arbeit kommuniziere ich mit den betrachtenden Personen und lade sie zum Nachdenken ein. Meine künstlerische Tätigkeit umfasst drei Bereiche: Das Malen von Hinterglasikonen; das Malen eigener Kompositionen sowie die Arbeit mit Klientinnen und Klienten im Ausdrucksmalen sowie in der Kunsttherapie. Die Hinterglasikonen erzählen Geschichten aus dem Leben Jesu und/oder aus dem Leben der Heiligen. Beim Malen derselben tauche ich in die biblischen Geschichten ein. Dadurch bin ich in Verbindung mit einer wichtigen Tradition meines Herkunftslandes. So führe ich diese Tradition weiter und erlebe meine Religiosität. Meine eigenen Kompositionen, meistens Öl auf Leinwand, erzählen von Erlebnissen, die mich prägten. Das Komponieren der Bilder bietet mir die Möglichkeit, diese Eindrücke zu verarbeiten. Es ist ein Akt der Selbstfindung und gleichzeitig eine innere Reinigung. Bei der Arbeit als Mal- und Kunsttherapeutin unterstütze ich die Klientinnen und Klienten, das eigene kreative Potenzial zu erwecken, es zu nutzen und sich auf die Herausforderungen des Alltags vorzubereiten. Jeder Mensch ist kreativ.

Was würde Ihnen fehlen, wenn Sie sich nicht durch Ihre Kunst ausdrücken könnten?
Wenn ich mich gestalterisch betätigen darf, kann ich der Mensch sein, der ich sein und werden möchte. So kann ich der Gesellschaft besser dienen.

Wie ist das abgebildete Werk entstanden und was möchten Sie damit ausdrücken?
Das Bild links ist eine Interpretation einer klassischen Hinterglasikone. Das Original wurde um 1750 in der Nähe von Kronstadt (Brasov) gemalt. Im Zentrum der Darstellung steht die Gottesmutter Maria, die das Jesuskind auf dem Arm hält. Der Kopf der Gottesmutter ist dem Kind zugeneigt. Mit ihrer rechten Hand weist sie aufs Kind. Ihr Gewand und der Hintergrund sind mit Blumen geschmückt. Es ist typisch für die rumänischen Hinterglasikonen, dass Pflanzen und Tiere die Bilder dekorieren. Sie spiegeln den ländlichen Alltag der Menschen in früheren Tagen, der in gewissen Gebieten und Dörfern bis heute anzutreffen ist. Jesus ist im Bild als Kind dargestellt. Sein Gesichtsausdruck hingegen gleicht dem einer erwachsenen Person. Damit möchte man sagen, dass Jesus Christus schon als Kind die Weisheit einer erwachsenen Person besass. Mit der rechten Hand segnet Jesus die betrachtenden Personen. Oben im Bild sind links Johannes der Täufer und rechts die heilige Paraskeva dargestellt. Diese zwei Heiligen sind beim rumänischen Volk besonders beliebt. Bei dieser Ikone gefällt mir die Nähe zwischen Mutter und Kind sehr gut. Die Neigung des Kopfes der Gottesmutter hin zum Jesuskind wärmt mein Herz.

Welches Projekt verfolgen Sie momentan?
Im Moment konzentriere ich mich auf die Arbeit mit den KlientInnen und Klienten im Atelier. Da ich zudem eine neue Ausstellung vorbereite, male ich wieder Hinterglasmalereien.

Interview: Brigitte Burri

 

Vom 5. bis 20. November ist eine Ausstellung von Carmen Indergand-Bira mit Hinterglasmalereien im Rothenburgerhaus bei der Hofkirche in Luzern geplant. In der Ausstellung werden Hinterglasikonen sowie eigene Hinterglasbilder zum Thema «Engel» gezeigt werden. Mehr Informationen sowie einen virtuellen Rundgang durch die letzte Ausstellung im Jahr 2020 finden Sie unter: www.ausdrucksmalen-luzern.ch


Carmen Indergand-Bira

Carmen Indergand-Bira (Jg. 1968) ist in Rumänien geboren. Sie absolvierte ein Studium als Ingenieurin am polytechnischen Institut in Bukarest; nach der politischen Wende im Jahr 1989 studierte sie, ebenfalls in Bukarest, Bildende Kunst an der Kunstuniversität. In der Schweiz bildete sie sich am apk-Institut in Thalwil weiter zur diplomierten Kunsttherapeutin (Ausbildung für prozessorientierte Kunsttherapie). Sie wohnt seit 2001 in Luzern, ist verheiratet und Mutter von vier Kindern.