Der Glaube ist stärker als Gesetze

Die Antike ist ein Zeitalter des Fluchs. Dies bezeugen griechische und römische Fluchtafeln, die damals zum Alltag gehörten. Man vergrub sie in der Erde, weil sie sich an die Unterweltsgötter richteten. Die Dämonen sollten Schadenzauber wirken: gegen verflossene Geliebte, gegen den ungerechten Arbeitgeber oder sogar gegen konkurrierende Wagenlenker, damit diese zu Tode stürzten. Nicht nur die Ersteller solcher Fluchtafeln – darunter waren Sklaven wie Ratsherren – glaubten an die Kraft dieser Flüche. Die Angst, Opfer einer solchen Fluchtafel zu werden oder bereits unter ihren Auswirkungen zu leiden, war gesellschaftlich akzeptiert. Der spätantike Rhetoriker Libanios war davon überzeugt, dass seine Schreibblockade auf einen Rivalen zurückzuführen war, der einen Fluchzauber gegen ihn ausgesprochen hatte – mithilfe eines geköpften Chamäleons. Während die Griechen ein lockeres Verhältnis zu ihren Flüchen hatten, sprach sich das römische Zwölftafelgesetz gegen diese besondere Methode der Verwünschung aus. Doch das Vorhaben, die Schadenszauber einzudämmen und zu verbieten, misslang der Römischen Republik und dem Römischen Reich über Jahrhunderte. Daran änderten selbst die Gesetze der Kaiser nichts. Ein Ritual, mit dem man hofft, die Zunge des gegnerischen Anwalts vor dem entscheidenden Prozess zu binden, war eben doch zu verführerisch. Erst mit dem Siegeszug des Christentums trat ein Umdenken ein. Nicht nur die Kaiser verschärften ihre Gesetze gegen Magie und Zauberei. Ein Glaube, der nicht nur den Pakt mit Dämonen, sondern deren Wirksamkeit und Existenz infrage stellt, ist eine grössere Herausforderung als die Angst vor drakonischen Strafen. Gott als Urheber des ersten Fluchs gegen die Schlange hat zudem ein Monopol darauf, wer verflucht gehört oder nicht. Der Fluch ist keine Willkür, sondern geht aus Gottes Gerechtigkeit hervor. Vor allem setzt sich aber mit dem Christentum die Auffassung durch: der Fluch steht niemals allein. Er ist die Abwesenheit von Gottes Segen.

Marco Gallina


Marco F. Gallina

Marco Gallina (Jg. 1986) studierte in Bonn und Verona Italienische Literatur, Politikwissenschaft und Geschichte. Bis 2021 war er Mitarbeiter im Deutschen Bundestag. Dort spezialisierte er sich auf Themen zur Aussen-, Sicherheits- und Energiepolitik. Er arbeitet als freier Autor und Betreiber des «Löwenblogs» unter www.marcogallina.de