«Fluchen tut gut», so lautete die Überschrift in einem Artikel im Migros Magazin vor einigen Jahren.1 Im Interview nahm der pensionierte Germanistikprofessor Roland Ris zur aktuellen Fluchpraxis in der Schweiz Stellung und beklagte, dass mitunter die Kreativität beim Fluchen abhandengekommen sei. Frühere Generationen seien deutlich einfallsreicher gewesen. Das stimmt und gilt auch für die Zeit des frühen Christentums. Wenn wir in die Umwelt des Neuen Testaments schauen, dann begegnet uns eine ausgeprägte Fluchkultur in Wort und Schrift. Zum Fluch wird eine von einem Menschen (Fluchender) getätigte mündliche oder schriftliche Aussage (Fluch) dabei dann, wenn sie unter Rückgriff auf übermenschliche Kräfte und Mächte wie Götter und Dämonen einem anderen Menschen (Verfluchter) in irgendeiner Form schaden will. Flüchen haftet damit latent etwas Magisches an. Der Verfluchte soll seinem Schicksal nicht entrinnen können. Und das sollen die übermenschlichen Mächte garantieren. Das unterscheidet Flüche etwa vom Schimpfwort, das ein Gegenüber direkt beleidigen soll, aber in aller Regel keine langfristige Wirkung anzielt. Der Fluch indes greift tiefer. Er setzt auf Mächte, die dem Verfluchten das Leben dauerhaft zur Hölle machen können.
Eine reiche, verbreitete Fluchkultur
Flüche gehören nicht nur zur flüchtigen mündlichen Kultur der Alten Welt. Wir wissen deshalb heute so gut über antike Fluchpraxis Bescheid, weil es in der Antike eine ausgeprägte Praxis gab, Flüche schriftlich zu verfassen. Das geschah zumeist auf kleinen Bleitafeln, die sich vieltausendfach bis in unsere Zeit erhalten haben. Solche defixiones genannten Fluchtafeln lassen sich von Grossbritannien bis in das nördliche Afrika, von Spanien bis nach Mesopotamien finden.2 Sie stammen vom 6. Jh. v. Chr. bis ins 6. Jh. n. Chr. Beschrieben sind sie zumeist in Griechisch oder Latein, seltener auch in anderen Sprachen der antiken Welt. Diese Tafeln und die auf ihnen erhaltenen Texte werden heute von Archäologie und Altertumswissenschaften und in jüngster Zeit auch aus bibelwissenschaftlicher Perspektive erforscht. Die Texte zeigen, in welchen Lebenslagen Menschen unter Rückgriff auf solche Tafeln geflucht haben – und dies besonders kräftig, denn die Herstellung einer solchen Tafel, ihre Beschriftung und ihr ritueller Einsatz kosten Zeit und Geld. In aller Regel handelt es sich dabei um Konkurrenzsituationen: Es geht um Liebe, Wettkampf und Sport, Prozesse vor Gericht, Wirtschaft und Ausgleich erlebten Unrechts – letzteres speziell im Rahmen der sogenannten Gebete um Gerechtigkeit. Die in den Fluchtafeln direkt oder indirekt angesprochenen Mächte sollen z. B. dem gegnerischen Prozessanwalt den Verstand verwirren oder seine Stimme versagen lassen, damit der Prozess zugunsten des Fluchenden ausgeht. In Liebesdingen soll der Fluch die Angebetete nicht selten so treffen, dass sie vor Leidenschaft geradezu brennt. Potenzielle Nebenbuhler indes soll der Fluch möglichst aus dem Weg räumen. Zum Einsatz können Flüche z. B. auch kommen, wenn man Geld auf ein Pferdegespann setzt und seine Chancen auf einen satten Gewinn durch eine Verfluchung des gegnerischen Gespannes erhöhen will. Zuweilen ist in solchen Fällen die Bleiplatte noch mit einem Haar der gegnerischen Pferde versehen worden, damit der Fluch das richtige Gespann trifft. Und wenn dann die Fluchtafel heimlich im Sand der Wagenrennbahn verborgen wird, kann die Sache eigentlich nicht mehr schiefgehen. Solche rituellen Manipulationen der Bleitafeln und ihre Deponierung an besonderen Orten sind vielfach bezeugt: Die Tafeln können zerbrochen, zerstochen, zu Klumpen gefaltet, in Wasser versenkt, in Feuer geschmolzen, in Tempeln deponiert, in Gräbern vergraben werden, heimlich im Umfeld des Verfluchten verborgen und manches mehr. Mit Fluchtafeln konnte man Rituale vollziehen, um den Verfluchten wirkmächtig zu treffen.
Gott soll Gerechtigkeit schaffen
Etwas anders gelagert ist der Fall bei den Gebeten um Gerechtigkeit. Sie zeichnet aus, dass der hier stärker in den Modus des Gebets verfallende Fluchende nicht genau weiss, wen er eigentlich verflucht. Denn in diesen Texten versuchen Menschen, erlittene Unrechtserfahrungen, deren Urheber sie nicht genau kennen, durch Rückgriff auf die Welt der Götter auszugleichen. Denn die kennen den Übeltäter natürlich. Die Götter sollen den unbekannten Dieben, Fundunterschlägern, Ehrabschneidern, Verleumdern und anderen Kleinkriminellen und Störenfrieden keine ruhige Minute mehr gönnen. Sie sollen körperlich bestraft werden, bis das vom Verfluchten begangene Unrecht wieder ausgeglichen ist und der Beter zu seinem Recht gekommen ist.
Beispiele für solche Gebete finden sich im Übrigen auch in jüdischer und christlicher Tradition der Antike. Auch der eine Gott und bei den Christen auch Jesus selbst sollen erlittenes Unrecht rächen: «Vergelte, Emanuel, vergelte» heisst es etwa am Ende eines solchen Gebetes um Gerechtigkeit, das ein Christ namens Sabinus im oberägyptischen Panopolis im 6./7. Jh. n. Chr. formuliert hat, wobei er mit eigener Hand sechsfach das Christusmonogramm in diese letzte Zeile seines Gebetes eingefügt hat.3
Aufforderung zu einem anderen Verhalten
Fluchtafeln sind auch dem Christentum nicht fremd. Das gilt auch für das Neue Testament. Denn es kennt nicht nur den Segen, sondern auch sein Gegenstück: den Fluch. Im Licht der antiken Fluchtafeln und der durch sie repräsentierten Fluchkultur werden dabei einige neutestamentliche Texttraditionen besonders auffällig.4 Vielfältig, wie das Neue Testament ist, gibt es dabei Anknüpfungen und Brechungen antiker Fluchpraxis zugleich. Zwar formuliert kein einziger neutestamentlicher Text eine Aufforderung, eine Fluchtafel zu beschriften und den einen Gott direkt für die Ausschaltung eines Nebenbuhlers oder eines Prozessgegners einzusetzen. Aber die Logik, die gerade hinter den Gebeten um Gerechtigkeit steht, findet sich durchaus in neutestamentlichen Texten – freilich in gezähmter Form. Wenn Röm 12,19 etwa formuliert «Übt nicht selbst Vergeltung, Geliebte, sondern lasst Raum für das Zorngericht Gottes; denn es steht geschrieben: Mein ist die Vergeltung, ich werde vergelten, spricht der Herr.», dann ist der Unterschied zu den Gebeten um Gerechtigkeit, die aufgrund des unbekannten Gegenübers, das vom Fluch getroffen werden soll, zwingenderweise die Rache den Göttern überlassen müssen, nicht so gross. Auch Christen können ihr erlittenes Unrecht Gott klagen und auf sein Eingreifen hoffen. Freilich liegt der Unterschied im Detail: Denn Paulus stellt betont das «Übt nicht selbst Vergeltung» voran, was so absolut formuliert ist, dass aus seiner Sicht auch dann rächende Vergeltung unangemessen ist, wenn der Gegner bekannt ist. Die Vergeltung wird aktiv Gott überlassen. Und wie er richten wird, steht bekanntlich auf einem anderen Blatt.
Für die Menschen, die Paulus im Römerbrief adressiert, bleibt allerdings noch eine andere Option. Von ihr ist in Röm 12,14 die Rede: «Segnet eure Verfolger; segnet sie, verflucht sie nicht!» Das ist eine exakte Umkehrung zur Logik antiker Fluchtafeln: den Gegner zu segnen und nicht zu verfluchen, ihm das Gute und nicht das Schlechte zu wünschen. Noch deutlicher wird dieser im Licht der Fluchtafeln auffällige Kontrast im Lukasevangelium sichtbar, das ebenfalls die semantische Opposition von Segen und Fluch kennt (Lk 6,27–30): «27 Euch aber, die ihr zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen! 28 Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch beschimpfen! 29 Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd! 30 Gib jedem, der dich bittet; und wenn dir jemand das Deine wegnimmt, verlang es nicht zurück!»
Feindesliebe nennen wir diese Ratschläge des lukanischen Jesus. Und wenn man genau liest, dann hat man den Eindruck, dass Lukas das Motto der Feindesliebe ausgesprochen alltagstauglich mit Beispielen versieht, die unmittelbar aus der Welt der Fluchtafeln und speziell der Gebete um Gerechtigkeit zu stammen scheinen: Denn jene zu segnen und nicht zu verfluchen, die einem Übel mitspielen, die beschimpfen (V. 28b), Gewalt anwenden (V. 29a), Kleiderdiebstahl begehen (V. 29b) und Geliehenes nicht zurückgeben (V. 30) ist im Licht der Gebete um Gerechtigkeit, die solche Unrechtserfahrungen vielfach spiegeln, eine Aufforderung zu einem Kontrastverhalten. Oder anders: Die kreative Urleistung der Jesusbewegung in Sachen Fluchkultur besteht darin, den Kreislauf des Fluchens und Verfluchens zu durchbrechen und provokativ wehrlos angesichts erlittenen Unrechts nicht zur Fluchtafel, sondern zum Segensgebet zu greifen.
Markus Lau