SKZ: Frau Jeppesen-Spuhler, womit befassen Sie sich zwischen den beiden Synoden und wie sind Sie engagiert?
Helena Jeppesen-Spuhler (HJ): Offiziell gibt es für die Mitglieder der Synode keine speziellen Aufgaben, ausser dass wir in den Prozessen der Bischofskonferenzen wie beispielsweise bei der Stellungnahme zum Synthesebericht mitwirken. Persönlich bin ich in intensivem Kontakt mit den lateinamerikanischen und asiatischen Mitgliedern der Synode. Mit Delegierten aus Europa habe ich geschaut, dass wir als Vorbereitung auf die Synode im Oktober eine kontinentale Versammlung abhalten können.1 Wir werden das «Instrumentum laboris» besprechen. Die Erfahrungen auf der europäischen Synode in Prag im Februar 2023 waren mit ein Grund, weshalb wir diese Versammlung initiiert haben. Wir haben gemerkt, dass wir Anfänger in synodaler Praxis und schlecht vernetzt sind. Und auch angesichts der grossen gesellschaftlichen und politischen Fragen in Europa und weltweit ist es wichtig, dass wir uns gegenseitig kennen und verstehen lernen. Die Migration, der Krieg in der Ukraine u. a. m. fordern die Kirchen heraus.
Ich lese da und dort etwas zu den zwischenzeitlichen Arbeiten auf internationaler Ebene und in Rom. Mir fehlt langsam der Überblick.
HJ: Es geht sogar mir so. Im März beispielsweise war ich zufällig in Rom, als die Pressekonferenz zur Errichtung der Arbeitsgruppen und der Kommissionen stattfand.2 Dass die strittigen Themen aus der Synode rausgenommen werden, das gab einigen Aufruhr. Meine kritische Beobachtung geht dahin: Die Kommissionen sollen an der Synode im Oktober einen Zwischenbericht vorlegen. Das finde ich gut. Sie werden dann bis Juni 2025 weiter an den Themen arbeiten. Und da fehlt mir die Rückverbindung zur Synode. Was passiert mit den von den Kommissionen erarbeiteten Ergebnissen?
Dann sind Sie wie andere auch eher kritisch gegenüber diesen Kommissionen eingestellt.
HJ: Ich vertraue darauf, dass das Synodenbüro sie gut zusammenstellt. In den bisherigen Arbeitsgruppen, die es errichtet hat, wirkten hervorragende Expertinnen und Experten mit. Auch die Arbeitsgruppen, die das «Instrumentum laboris» für die Synode im Herbst schreiben werden, sind fachlich top. Da bin ich zuversichtlich. Bei der Errichtung der Kommissionen gibt es hohe Anforderungen: Sie sollen sich aus fachlichen Expertinnen und Experten aus allen Kontinenten zusammensetzen. Und diese brauchen viel Freiraum, um während eines Jahres intensiv arbeiten zu können.
Arnd Bünker (AB): Man merkt daran auch, dass dieser synodale Prozess sich permanent selbst erfindet. Das ist einerseits eine Riesenchance. Jetzt schon ist erkenntlich, dass wir im Prozess gelernt haben und laufend lernen. Andererseits hängt alles vom guten Willen des Papstes ab. Und der Papst ist alt. Wie lange wird er den synodalen Prozess über den Oktober 2024 hinaus begleiten können? Kommt es unter seinem Nachfolger zu einem Übungsabbruch? Bräuchte es angesichts der vielen offenen Fragen nicht ein Drittes Vatikanisches Konzil? Das ist alles offen und macht die Arbeit auch schwierig. Gleichzeitig sehe ich unter Papst Franziskus eine positive Entwicklung. In den 80er- und 90er-Jahren war jeweils vor den Bischofssynoden schon klar, was die Ergebnisse dieser sein werden. Das ist jetzt anders. Es sind offene Prozesse und Papst Franziskus hat mit der ganzen Weltkirche schon vier Mal geübt: bei der Familiensynode, der Jugendsynode, der Amazoniensynode und jetzt beim synodalen Prozess.
HJ: Es ist spannend zu sehen, wie alle diese Synodalität üben müssen. Ich beobachte, dass sich wenige Kardinäle in Rom vorstellen können, dass gewisse Fragen regional entschieden werden. Sie fordern einen universalen Entscheid. Währenddem die afrikanischen Delegierten bezüglich Regionalisierung an der letzten Synode eine tiefgreifende Erfahrung gemacht haben. Sie forderten eine pastorale Lösung für die Polygamie und merkten in den Gesprächen, dass Polygamie in Europa kein Thema ist. Sie selbst haben Lösungen für ihr Problem zu erarbeiten. Und im Synthesebericht 2023 steht auch, dass es Aufgabe der afrikanischen Bischofskonferenz ist, hier pastorale Wege zu finden.
AB: Die neue Herausforderung wird darin liegen, mit regionalen Entscheidungen und Ungleichzeitigkeiten konstruktiv umzugehen. Wenn unsere Kirche synodaler werden soll, dann wird sie zu regionalen Regelungen und Ungleichzeitigkeiten ein anderes Verhältnis finden müssen als bis anhin.
Herr Bünker, Sie haben im Auftrag der Schweizer Bischofskonferenz (SBK) eine zusammenfassende Rückmeldung zum Synthesebericht der Synode geschrieben.3 Wie ist die Rückmeldung entstanden? Was waren Ihre Quellen?
AB: Das Verfahren war so: Die Leitfragen zum Synthesebericht kamen aus Rom. Die Bischofskonferenz machte daraufhin einen Aufruf an alle Bistümer und forderte sie auf, zum Synthesebericht anhand der Leitfragen Stellung zu nehmen. Gleichzeitig war auch von Anfang an klar, dass die Menschen und die Gremien, die sich bislang im synodalen Prozess engagiert haben, die Möglichkeit bekommen sollten, auch weiterhin mitzuwirken.
Der Weg zwischen den beiden Synoden zielt darauf ab, synodale Prozesse auf den verschiedenen Ebenen der Kirche zu fördern. Welche Prozesse laufen in den Diözesen der Schweiz?
AB: Auf nationaler Ebene sind wir besonders aktiv. Im Moment bauen wir eine Synodalitätskommission auf, die bis Ende Jahr zu arbeiten anfängt. In den Diözesen gibt es unterschiedliche Schritte auf dem Weg der Synodalität. Das Bistum St. Gallen ist mit seiner Rätestruktur schon lange synodal gut unterwegs. Es hat diese in den letzten Jahrzehnten stets gepflegt, angepasst und erneuert. Das Bistum ist nun daran, die Rätestruktur weiter auszubauen. Im Bistum Chur wurde Synodalität für alle Dekanatsweiterbildungen als Thema gesetzt. Damit wird eine wichtige Grundlage für die Implementierung des synodalen Denkens im Bistum gelegt. Darauf wird man in den kommenden Jahren aufbauen können. Im Bistum Lugano ist die Nachfolge von Bischof Valerio Lazzeri noch offen. Der Administrator, Bischof Alain de Raemy, fördert pastorale Netzwerke zwischen den Pfarreien. In diesen arbeiten Hauptamtliche mit Freiwilligen in pastoralen Fragen zusammen. Da beginnt Synodalität. Für das Bistum ist die geplante Einführung der neuen Ämter, Lektorat und Akolythat, eine gute Chance, das Personaltableau zu diversifizieren, das bisher fast ausschliesslich Priester in der Pastoral kennt. Das Bistum Sitten lancierte im 2017 für das Oberwallis das Projekt «üfbrächu». Dieses bekam durch den synodalen Prozess Rückenwind, und auch im Unterwallis mache ich synodale Dynamiken aus. Das Bistum Lausanne-Genf-Freiburg kennt Synodalitätsbeauftragte. Dort gibt es auch ein Magazin, das sich explizit mit Synodalität befasst und damit synodale Bildungsarbeit betreibt.4 Das Bistum ist seit jeher strukturell vor allem kantonal organisiert. Das macht eine bistumsweite Implementierung synodaler Elemente anspruchsvoll. Das Bistum Basel ist äusserst aktiv auf Bistumsebene. Dort sind die Überlegungen zu einer dauerhaften synodaleren Kirche wohl schon am weitesten vorangebracht worden. Gleichzeitig gilt überall: An der Basis ist noch wenig angekommen von der Erfahrung einer synodaleren Kirche.
HJ: Es gibt einzelne Initiativen. Ich habe an einer dynamischen Pfarreisynode in Dagmersellen mitgemacht und für November habe ich eine Einladung zur Teilnahme an einer Pfarreisynode in Luzern.
Das ist interessant. In der Vorbereitung habe ich mich gefragt, wie weit der synodale Prozess an der Basis noch Resonanz auslöst. Ich spüre sie nicht mehr. Was beobachten Sie?
AB: Eine grosse Resonanz der Basis habe ich noch nie gespürt. Das Problem ist, dass kaum jemand mitbekommt, was läuft. Von daher erachte ich es als wichtig, dass regelmässig Informationen und Impulse erfolgen, zum Beispiel auch über die SKZ. Ich höre aber auch immer wieder, dass da, wo tatsächlich synodale Gespräche geführt werden, diese immer Zustimmung bis Begeisterung auslösen. Diese Erfahrung synodaler Gespräche konnten bis anhin erst wenige machen. Gerade für die Deutschschweiz braucht es dazu aber noch eine bessere kulturelle Übersetzung der Methode des «Gesprächs im Geist» in die hiesigen Formen der Sprache und der Frömmigkeit.
HJ: Zu dieser Gesprächsmethode habe ich noch eine Ergänzung. Auf der Synode im Herbst 2024 braucht es über das «Gespräch im Geist» hinaus methodische Elemente der Unterscheidung und einen argumentativen Diskurs. Ich bin gespannt, was die dafür zuständige Arbeitsgruppe entwickelt. Auch ich mache aus, dass es fast nicht mehr möglich ist, Menschen für den synodalen Prozess zu mobilisieren. Darum hat die SBK auch nicht mehr alle aufgerufen, in Gruppen den Synthesebericht anzuschauen und Stellungnahmen einzureichen. Stark engagiert haben sich die katholischen Laienverbände.
In der Schweiz wird es eine synodale Erprobungsphase geben. In dieser werden Gefässe synodaler Entscheidungsfindung erprobt. Was sind das konkret für Gefässe?
AB: Die Synodalitätskommission, die ich vorhin nannte, ist das «Werkstattteam». Sie wird rund 30 Mitglieder aus allen Sprachregionen der Schweiz und unterschiedlichen Altersstufen umfassen. Der Begriff «Werkstattteam» ist mir wichtig. Er macht deutlich, dass die Kommission nicht schon die Synodalität selbst darstellt. In der Kommission werden wir nicht darüber sprechen, ob oder wie wir beispielsweise Frauen in höhere Weihestufen bekommen. Aufgabe der Kommission wird es sein, zu überlegen, wie Fragen auf nationaler Ebene synodal zu bearbeiten sind. Was kann von einem Ergebnis erwartet werden? Wie sieht es mit der Umsetzung aus? Welchen Grad von Verbindlichkeit kann und will man erreichen? Wie fügt sich die synodale Arbeitsform ein in die bisherige Zusammenarbeit im dualen System? Auf dieser Basis wird die Synodalitätskommission Gefässe entwickeln und ausprobieren. Es gibt jetzt schon einen wichtigen Termin. Am 3. Dezember wird sich die Synodalitätskommission mit der SBK und der RKZ in Engelberg zu einem Synodalitätstag treffen. Sie schauen miteinander auf den Stand des synodalen Prozesses in der Schweiz, auf die Erwartungen und Ängste, um dann Themen und Formate entsprechend erarbeiten zu können. So ein Tag wird zukünftig jährlich stattfinden.
Ich sehe, das Thema wird uns länger begleiten.
AB: Ja, und es wird spannend bleiben. Jetzt schauen alle nach Rom. Geht es nach dem Oktober 2024 weiter oder kommt es zum Abbruch des synodalen Prozesses? Weitere wichtige Fragen sind: Wie stark hat die Synodalität schon in die katholische Kirche Einzug gehalten und wie stabil ist sie? Wie viel Spielraum für Synodalität bleibt in den Ortskirchen und auf nationaler Ebene? Die Signale aus Rom sind permanent widersprüchlich. Es gibt grosse Versprechungen. Beispielsweise war im ersten Vorbereitungsdokument für die Synode die Rede von einer radikalen Inklusion. Im Synthesebericht kommt sie nicht mehr vor. Ich beobachte aktuell im Prozess eine inhaltliche Engführung von der Offenheit zu allen – Marginalisierten, Ausgeschlossenen, Frauen, Jugendlichen und Kindern – zu binnenkirchlichen Fragen wie dem Verhältnis von Klerikern und Laien, zu Verantwortungs- und Aufgabenteilung zwischen Rom und den Diözesen. Wir sind im Augenblick wieder stark binnenkirchlich fokussiert. Diese Beschäftigung ist vielleicht notwendig, um weiterzukommen. Aber die Gefahr besteht, dass wir diesen befreienden Horizont des Anfangs verlieren. Synodalität ist nicht nur eine neue Art kirchlicher Verwaltung, sondern eine neue Art Kirche zu sein. Da sehe ich im Augenblick die Gefahr, dass wir diesen Schwung verlieren.
HJ: Das darf nicht passieren. Die Öffnung auf alle Menschen hin muss der grosse Rahmen sein und bleiben. Wir dürfen nicht bei den innerkirchlichen Fragen stehen bleiben und uns von diesen blockieren lassen. Die lateinamerikanischen und asiatischen Bischofskonferenzen sagen dies explizit, dass die Hinwendung zu den Marginalisierten das Wichtigste sei.
Sehen Sie weitere Gefahren?
AB: Ja, dass wir meinen, Synodalität sei der schnelle Lösungsschlüssel für alle ungelösten Probleme. Das ist eine falsche Sichtweise. Wir dürfen nicht die Probleme auf die lange Bank der Synodalität schieben, das ist verantwortungslos. Gleichzeitig darf nicht passieren, was in der Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils passierte. Der Aufbruch wurde in den Strukturen und im Kirchenrecht nur restriktiv umgesetzt. Bekanntermassen ist Papst Franziskus nicht der, der die grossen Strukturentscheidungen fällt. Er setzt auf einen Mentalitätswandel. Ein solcher kann nicht so schnell rückgängig gemacht werden wie Strukturen. Und doch braucht es Strukturen, die der Synodalität entsprechen und sie wiederum fördern. Die Schaffung solcher Strukturen braucht Zeit.
HJ: Eine Gefahr sehe ich auch darin, dass einzelne Bischöfe Berichte kontrollieren oder sogar zensurieren. In den USA wurden Reformgruppierungen zum Teil aus den Konsultationsprozessen ausgeschlossen. Diese Gruppierungen haben sich an den Vatikan gewendet und an die Mitglieder der Synode geschrieben. Deshalb weiss ich davon. Das kann auch in Zukunft geschehen.
Synodalität in der ganzen Kirche umzusetzen, das ist eine grosse und anspruchsvolle Aufgabe. Warum machen wir das überhaupt?
AB: Das ist eine sehr wichtige Frage, um die Ursprungsmotivation in Erinnerung zu behalten. Für mich war die Einsicht entscheidend, symbolisch mit dem Rücktritt von Benedikt XVI. dargestellt, dass die bisherigen Routinen und Formen der Kirchenleitung nicht mehr in der Lage sind, der riesigen Menge an Herausforderungen, in denen sich die Kirche im 3. Jahrtausend befindet, zu begegnen. Und das hat Papst Franziskus verstanden. Deshalb hat er von Anfang an und sehr konsequent diese Synodalität gefördert. Es geht um die Zukunft der Kirche, und zwar grundlegend: Wie muss die Kirche verfasst sein, damit sie ihre genuine Aufgabe, das Evangelium Jesu Christi zu verkünden, wirkungsvoll wahrnehmen kann?
Interview: Maria Hässig