Seit den 1960er-Jahren wird kontrovers darüber diskutiert, ab wann der Heilige Stuhl – ab wann die politischen Mächte – über die Existenz der Konzentrationslager im Sinne von Vernichtungslagern informiert waren. Und: Was sie zur Rettung der dort Internierten bzw. dorthin Deportierten unternommen oder nicht unternommen haben.
Anspruchsvolle historische Rekonstruktion
Bereits die zwischen 1964 und 1981 publizierte, elf dicke Bände füllende Aktendokumentation «Actes et documents du Saint Siège relatifs à la seconde guerre mondiale», die doch nur eine kleine Auswahl der vatikanischen Dokumente darstellt, gab einen Einblick, über welche Informationen der Hl. Stuhl schon früh verfügte. Der Jesuit Pierre Blet, einer der Herausgeber, verarbeitete viele Materialien zu einer Darstellung, die 2000 auch in deutscher Sprache erschien und bis heute mit zum Besten gehört, was darüber geschrieben wurde.1
Nun, zwanzig Jahre später, erschien aus der Feder von Johan Ickx, Archivar im päpstlichen Staatssekretariat, das Buch «Le Bureau. Les Juifs de Pie XII».2 Es zeigt, dass Pius XII. im chronisch unterbesetzten Staatssekretariat 1939 ein Büro einrichten liess, das sich ausschliesslich um jene Juden kümmern sollte, die sich aus ganz Europa aufgrund der von den Deutschen verfolgten Judenpolitik hilfesuchend an den Papst wandten. Die Arbeit dieses Büros schlug sich in einer umfangreichen Aktenserie «Ebrei» mit nahezu 200 dicken Archiveinheiten nieder. Darin, neben vielem anderen Material finden sich Bittschreiben und Gesuche von Einzelpersonen, die für sich oder andere eine Intervention des Papstes zu erreichen suchten.
Die Studie von Ickx unterstreicht, was schon Pierre Blet gezeigt hatte: Wer die Frage nach dem Schicksal der europäischen Juden und den Aktivitäten des Heiligen Stuhls untersuchen möchte, kann sich nicht auf wenige Dokumente, Ereignisse und selbst Archivserien beschränken, sondern muss nahezu enzyklopädisch vorgehen. Denn die Judenvernichtung war keine ausschliesslich deutsche Angelegenheit, auch wenn sie von Deutschland ausging. Involviert waren viele. Frankreich und Holland, Kroatien, Rumänien und die Slowakei sowie – vor allem durch die dort errichteten Vernichtungslager – Polen. Über die lokalen kirchlichen Hierarchien, insbesondere aber über die Päpstlichen Nuntien und Legaten, wo diese noch existierten, liefen – trotz aller kommunikativer Erschwernisse und Behinderungen aufgrund der Kriegsereignisse – Fäden nach Rom und wieder zurück. Über die hier ansässigen Gesandtschaften waren ebenfalls Kontakte gegeben. Mitunter wurden «fremde» Informationen, deren Zuverlässigkeit oft nicht zu eruieren war, über verschiedene Kanäle an den Hl. Stuhl geleitet. Eine historische Rekonstruktion der vielfach miteinander verflochtenen Vorgänge muss dies alles berücksichtigen. Einen ersten Beitrag dazu leistet Ickx, der für seine ausgesprochen informative Studie die Bestände Germania, Francia, America, Cecoslovacchia, Romania und Polonia heranzieht, vereinzelt auch Spagna, Olanda, Paesi Baltici, Russia, Bulgaria, Jugoslavia und Palestina.
Dies zeigt: Die historische Rekonstruktion der vatikanischen Haltung im Blick auf die grosse Frage der europäischen Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten vor allem ab 1941 ist vielschichtig und schwierig. Eine Untersuchung, die den Anspruch erheben kann, Endgültiges zu sagen, steht noch aus und ist wohl auch in nächster Zeit nicht zu erwarten. Die Möglichkeiten dazu sind aber mit der jüngsten Öffnung der vatikanischen Archive gegeben. Klar ist jedenfalls schon jetzt, dass die früheren, mit hohem (nicht nur moralischem) Anspruch auftretenden Untersuchungen etwa von Paul Friedländer, John Cornwell und vielen anderen überholt sind.
Interventionen bewirken das Gegenteil
Dem Hl. Stuhl stellte sich damals die Frage, was denn überhaupt und auf welchem Wege gegen das Kriegsleid der Menschen auf allen Seiten, gegen die Verbrechen an Zivilisten und an der Bevölkerung ganzer Landstriche, was gegen die planmässige Vernichtung bestimmter Bevölkerungsgruppen, insbesondere der Juden, unternommen werden könne. Man gab sich keinen weitergehenden Hoffnungen hin, denn von Verhinderung der Untaten oder der Möglichkeit, die deutsche Regierung in ihren Absichten, die immer deutlicher zutage traten, umzustimmen, konnte keine Rede sein. Die vielfältigen Erfahrungen, die der Hl. Stuhl in der Vergangenheit mit dem NS-Regime hatte sammeln müssen, sprachen eine zu deutliche Sprache. Bereits jenen eindringlichen Interventionen, die auf Verbesserung der religiös bedrückenden Lage der Katholiken in Deutschland zielten, war – je länger je mehr – kein Erfolg beschieden. Obwohl der Hl. Stuhl hier rein kirchliche Interessen verfolgte, waren entsprechende Vorstösse als politisch qualifiziert zurückgewiesen worden. Auch die Bemühung um Öffentlichkeit hatte nicht jenen Erfolg, den man sich hiervon versprach. Dass die Enzyklika «Mit brennender Sorge» (1937), deutschlandweit bekanntgemacht und international verbreitet, keinerlei positive Einwirkung auf die deutsche Reichsregierung und ihre Satrappen zeigte, sondern im Gegenteil – als «Bumerang» – zu einer Verschlechterung der Situation der deutschen Katholiken geführt hatte, stand den Verantwortlichen der päpstlichen Diplomatie und nicht zuletzt Pius XII. noch lebhaft vor Augen.
Im Weltkrieg durfte sich der Hl. Stuhl umso weniger zur (wenn auch nur «propagandistisch») «kriegführenden» Partei machen, als er – seiner übernationalen Aufgabe für die Katholiken aller in den Krieg involvierten Länder entsprechend – unbedingt möglichste Neutralität wahren musste. Neutralität, jedenfalls äusserste Vorsicht und Zurückhaltung, legten sich auch nahe angesichts der Tatsache, dass Italien im Krieg an der Seite Deutschlands stand und eine Garantie der Autarkie und Freiheit des Vatikans unter diesen Umständen keineswegs gewiss war. Die Unsicherheit verstärkte sich während der deutschen Besetzung Roms (September 1943 – Juni 1944). Es nimmt nicht wunder, dass der Hl. Stuhl sich gegenüber jedweder öffentlichen Aktivität grösste Zurückhaltung auferlegte, konnte eine Provokation Deutschlands doch schwerwiegende Folgen – eine Besetzung des Vatikans war angedroht – nach sich ziehen. Wenn aber eine Deutschland verurteilende öffentliche Stellungnahme nicht zur Debatte stand, welche Wege blieben dann überhaupt übrig? Musste man nicht vor allem auf die «stille Hilfe» an Einzelnen setzen?
Vielfache Initiativen der Hilfe
Ein Problem, vor das sich die vatikanische Diplomatie gestellt sah, war die Frage des Adressaten möglicher Proteste und Interventionen. Bewusst hatten die Deutschen die «Endlösung» in den Osten verlegt, wo die Massenvernichtungen deutlich unauffälliger und geräuschloser vor sich gehen konnten als im Westen Europas. Schon Blet hatte eindrucksvoll gezeigt, welche Anstrengungen die päpstlichen Gesandten und die Bischöfe vor Ort – mit römischer Rückendeckung – unternahmen, um auf die lokalen Autoritäten mässigend einzuwirken. Doch der Druck, den die Deutschen etwa auf die slowakische oder ungarische Regierung ausübten, war enorm. Obwohl an den Deportationen viele beteiligt waren: der eigentliche Adressat von Protesten und Interventionen musste die deutsche Reichsregierung sein.
In der Endphase des Krieges, in den sechs Monaten zwischen Mitte September 1944 und Mitte März 1945, häuften sich die erschreckenden Nachrichten, die der Hl. Stuhl vor allem von den Botschaftern Polens und Italiens sowie vom Apost. Delegaten in Washington und vom Schweizer Nuntius Filippo Bernardini über die Lager in Auschwitz, Birkenau und Warschau erhielt. Auch über die Situation in anderen Regionen wurde Niederschmetterndes berichtet. Meist waren die Informationen mit Bitten um Intervention verbunden. Die neu zugänglichen Akten3 zeigen nun, dass allein der Berliner Nuntius Cesare Orsenigo in dieser Zeit zehnmal aufgefordert wurde, bei der Reichsregierung Schritte für die bedrängten Juden und die Inhaftierten der Konzentrationslager zu tun. Er hatte keinen Erfolg. Der Bitte der polnischen Botschaft vom 12. Oktober 1944 wiederum, öffentlich zu protestieren und so einen internationalen Druck auf Deutschland zu erzeugen, entsprach Rom nicht. Immerhin hatte der Papst am 15. September vor polnischen Soldaten eine Rede gehalten, die «auch in der ganzen Welt starken Widerhall» gefunden hatte.4
Vatikanische Zustimmung5 fand der von Bernardini in der zweiten Oktoberhälfte 1944 aus Bern vermittelte Vorschlag, die deutsche Regierung zu bitten, Alte, Frauen und Kinder aus den Lagern zu entlassen oder in einem neutralen Staat zu internieren, die anderen Deportierten aber wie Kriegsgefangene zu behandeln. Der Vorschlag hatte konkrete Aussichten, weil die Regierungen neutraler Staaten wie Spanien, Schweden, Irland und Portugal offenbar signalisiert hatten, eine eventuelle Bitte des Hl. Stuhls zu unterstützen. Die Alliierten und Russland, über diese eventuelle Initiative informiert, waren gebeten worden, sie zu unterstützen.6
Eine ähnliche Bitte jüdischer Kreise übermittelte Anfang November der päpstliche Delegat in Washington: Der Papst und die Katholiken in den betroffenen Regionen möchten für Interventionen bei der deutschen und der slowakischen Regierung gewonnen werden, ausserdem bitte man den Papst, neutrale Staaten zur Intervention aufzufordern, um insbesondere Kinder, Frauen und Alte in den von den Deutschen besetzten Gebieten vor dem Tod zu retten. Allerdings war bereits im Juli 1944 eine ähnliche Initiative gescheitert, als auf Bitten der USA der Hl. Stuhl seinen Nuntius in Berlin fordern liess, auf die Internierten der Konzentrationslager die Genfer Konvention anzuwenden oder zumindest die Sendung und Austeilung von Päckchen unter Aufsicht des Roten Kreuzes zu gewähren, wie es für die Internierten in der Regel erlaubt war. Doch das Auswärtige Amt hatte die von Orsenigo geltend gemachten christlichen und humanitären Grundsätze zurückgewiesen; der Hl. Stuhl dürfe nur in strikt religiösen Dingen eingreifen; der amerikanische Vorschlag verfolge jedoch Propagandaziele. Im Übrigen hätten die schützenden Mächte freien Zugang zu den Lagern.
So trug man im päpstlichen Staatssekretariat diesmal Bedenken. Monsignore Angelo Dell’Acqua in der Abteilung «Ebrei» erstellte eine Vorlage, in der er eine Initiative des Hl. Stuhls bei den neutralen Mächten, auf Deutschland Einfluss auszuüben, als nicht opportun bezeichnete. «Das könnte die deutsche Regierung ärgern und folglich die Lage der Juden selbst verschlechtern. Die deutsche Regierung könnte in der Tat unschwer erfahren, dass dieser Schritt vom Hl. Stuhl empfohlen wurde, und vermuten, der Hl. Stuhl habe so gehandelt, um die Schwierigkeiten Deutschlands zu vergrössern und die angelsächsische Propaganda zu stützen. Und dann: warum macht nicht die amerikanische Regierung Druck auf die neutralen Staaten, damit diese in besagtem Sinne handeln?»7 Dell’Acqua empfahl, den Berliner Nuntius noch einmal loszuschicken und dabei ausdrücklich auf das Rote Kreuz hinweisen zu lassen, über welches den Betroffenen Lebensmittel und Kleidungsstücke zugehen könnten. Die Initiative wurde durch Pius XII. persönlich abgesegnet, die Erwähnung des Roten Kreuzes allerdings gestrichen und entgegenkommender formuliert: Die Hilfe könne «auf dem Weg, den die deutsche Regierung bevorzugt»8 erfolgen. Um der Initiative Nachdruck zu verleihen, wurde ausserdem eine entsprechende, eindringliche Note an die Reichsregierung entworfen, die über den deutschen Botschafter Ernst von Weizsäcker, der damals – nach der Befreiung Roms durch die Alliierten – im Vatikan Zuflucht gefunden hatte, nach Berlin geschickt werden sollte.9 Ob sie Berlin tatsächlich erreichte, lässt sich nicht sagen. Eine Antwort scheint ausgeblieben zu sein. Schon im Dezember 1943 war eine ähnliche Bitte um Beachtung der internationalen Konventionen für Kriegsgefangene vom deutschen Botschafter nicht nach Berlin weitergeleitet worden.
Anfang 1945 trafen im Vatikan erneut Nachrichten über bevorstehende neue – in Wirklichkeit längst reale, fortgesetzte – Massaker an Internierten der Konzentrationslager ein, dann Mitteilungen über deren Vollzug. Jedesmal wurde der Berliner Nuntius angewiesen, «schnell» zu intervenieren. Ein letzter Plan, die deutsche Regierung von den Massenvernichtungen abzuhalten, kam im März 1945 von jüdisch-amerikanischer Seite: Russland solle bewogen werden, auf die Deportation deutscher Kriegsgefangener zur Zwangsarbeit zu verzichten, damit im Gegenzug Deutschland die angedrohte Vernichtung von 600'000 internierten Juden unterlasse. Tatsächlich beauftragte der Hl. Stuhl seine Delegaten in Washington und London mit der Sondierung, ob die USA und England bereit seien, mit Russland zu verhandeln.10 Der nahe Sieg der Alliierten über Deutschland machte vermutlich diese Initiative zunichte.
Dominik Burkard